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Ernährung & Futter

Getreidefrei: Mythos und Wahrheit

Getreidefreies Hundefutter gilt als natürlicher und hypoallergen — eine quellenbasierte Einordnung der Datenlage zu Allergien, DCM und Glutensensitivität.

Von Frank MenzeFachjournalistRedaktionell geprüftAktualisiert 13. Juni 2026

Kurzantwort

Getreidefreies Futter ist kein Synonym für kohlenhydratarme oder hypoallergene Ernährung: Die Kohlenhydratanteile liegen häufig im selben Bereich wie bei getreidehaltigen Produkten, nur aus anderen Quellen (Erbsen, Kartoffel, Tapioka). Getreide-Allergien beim Hund sind klinisch selten — tierische Proteine wie Rind, Milch und Hühnchen sind die häufigsten Allergen-Quellen 6. Seit 2018 untersucht die FDA einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten hülsenfruchtreichen, getreidefreien Diäten und Dilatativer Kardiomyopathie (DCM) beim Hund, ohne bislang einen kausalen Zusammenhang zu etablieren 7. Eine klinische Indikation für getreidefreies Futter besteht primär bei nachgewiesener Allergie auf ein spezifisches Getreide oder bei der rassen­spezifischen Glutensensitiven Enteropathie des Irish Setters 3, 5.

Was bedeutet „getreidefrei“ — und was nicht?

Der Begriff „getreidefrei“ (englisch: grain-free) bezeichnet Rezepturen, die keine Cerealien wie Weizen, Mais, Reis, Hafer, Roggen, Gerste oder Hirse enthalten. Als Stärkelieferanten werden stattdessen alternative Rohstoffe eingesetzt: Kartoffel, Süßkartoffel, Tapioka sowie Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen, Kichererbsen und Bohnen. Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, „getreidefrei“ mit „kohlenhydratarm“ gleichzusetzen. In der Praxis enthalten die meisten getreidefreien Trockenfutter Kohlenhydratanteile in einer Größenordnung, die mit konventionellen Rezepturen vergleichbar ist 8. Der Unterschied liegt in der Quelle, nicht im Mengenanteil. Ebenso ist „getreidefrei“ nicht automatisch hypoallergen: Getreide gehört statistisch nicht zu den häufigsten Allergenquellen bei Hund und Katze, und die eingesetzten Alternativen können ihrerseits als Antigene wirken. Aus regulatorischer Sicht gibt es keine EU-weit verbindliche Definition des Begriffs „getreidefrei“ auf Futterverpackungen. Hersteller verwenden ihn nach eigenem Ermessen; konsumenten­seitige Prüfung der Zutatenliste bleibt notwendig.

Allergie-Datenlage: Was Getreide wirklich auslöst

Das Marketing für getreidefreies Futter bedient sich häufig der Annahme, Getreide sei ein häufiger Allergenauslöser bei Hunden und Katzen. Die Primärliteratur zeichnet ein differenzierteres Bild. Eine systematische Übersichtsarbeit 6 wertete dokumentierte Futtermittel-Allergie-Fälle beim Hund aus (n = 297) und ermittelte folgende Häufigkeiten der Auslöser: - Rind: 102/297 (34 %)

  • Milchprodukte: 51/297 (17 %)
  • Hühnchen: 45/297 (15 %)
  • Weizen: 38/297 (13 %)
  • Soja: 17/297 (6 %)
  • Lamm: 14/297 (5 %)
  • Mais: 13/297 (4 %) Tierische Proteine dominieren das Allergiespektrum deutlich. Weizen folgt mit merklichem Abstand; Mais ist mit 4 % statistisch von untergeordneter Bedeutung 6. Das Bild, Getreide sei die primäre Ursache für Futterallergien beim Hund, ist mit diesen Daten nicht vereinbar. Für die Katze wertete dieselbe Untersuchung 78 dokumentierte Fälle aus 6. Die Verteilung: - Rind: 14/78 (18 %)
  • Fisch: 13/78 (17 %)
  • Hühnchen: 4/78 (5 %)
  • Weizen: 3/78 (4 %)
  • Mais: 3/78 (4 %)
  • Milchprodukte: 3/78 (4 %)
  • Lamm: 2/78 (3 %) Auch bei der Katze stehen Rind und Fisch deutlich an der Spitze 6. Von einer vereinfachenden „Allergen-Trias“ abzuweichen entspricht dem tatsächlichen Verteilungsmuster: Mehrere tierische und pflanzliche Quellen sind mit ähnlicher Häufigkeit vertreten, Getreide tritt auch hier nur im unteren Frequenzbereich auf. Futtermittelallergien äußern sich sowohl dermatologisch (Pruritus, rezidivierende Otitis) als auch gastrointestinal 9. Eine gesicherte Diagnose setzt eine strukturierte Eliminationsdiät über mindestens acht Wochen voraus, gefolgt von einer kontrollierten Provokation — nicht die empirische Umstellung auf getreidefreies Futter.

Glutensensitive Enteropathie: Rassen­spezifisch, nicht verallgemeinerbar

Getreide enthält Gluten (genauer: Gliadin-Fraktionen in Weizen, Secalin in Roggen, Hordein in Gerste). Eine echte Glutenunverträglichkeit in Form einer Glutensensitiven Enteropathie (GSE) ist beim Hund auf einzelne Rassen beschränkt und nicht als allgemeines Phänomen zu verstehen. Die wissenschaftliche Evidenz für eine canine GSE stammt aus der Arbeitsgruppe um Hall und Batt. Eine Untersuchung zeigte, dass eine veränderte intestinale Permeabilität der klinischen Manifestation der Erkrankung beim Irish Setter vorausgeht 4: Die Darmbarriere ist bereits vor dem Auftreten von Malabsorptionssymptomen funktionell beeinträchtigt. Eine weitere Arbeit demonstrierte, dass eine glutenfreie Ernährung die Mukosastruktur und die Absorptionsfunktion bei betroffenen Tieren normalisieren kann 3. Die Vererbung der GSE beim Irish Setter folgt einem autosomal-rezessiven Hauptlocus; die angenommene Krankheitsprävalenz in der Rasse beträgt etwa 0,8 % 5. Die Erkrankung ist damit genetisch und rassebezogen definiert — eine Übertragung auf andere Rassen oder auf den Hund im Allgemeinen ist wissenschaftlich nicht belegt. Eine neuere Übersichtsarbeit ordnet die canine GSE des Irish Setters als Modell ein, das strukturelle Parallelen zur humanen Zöliakie aufweist, ohne mit ihr identisch zu sein 10. Für Hunde anderer Rassen fehlen vergleichbare Nachweise einer echten Glutensensitivität. Für die Praxis bedeutet das: Eine glutenfreie oder getreidefreie Ernährung ist beim Irish Setter mit diagnostizierter GSE indiziert. Bei anderen Rassen ohne entsprechende klinische Befunde und gesicherter Diagnose gibt es keine evidenzbasierte Grundlage, Gluten pauschal zu meiden.

Die DCM-Debatte: Was belegt ist — und was nicht

Seit 2018 untersucht die US-amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde FDA einen auffälligen Anstieg von Dilatativer Kardiomyopathie (DCM) bei Hunden, die bestimmte getreidefreie Diäten erhielten 7. DCM ist eine Herzmuskelerkrankung, bei der die Ventrikel sich erweitern und die Pumpfunktion abnimmt — sie kann zu Herzversagen und Tod führen. Das FDA-Signal basierte auf Meldungen, bei denen DCM-Fälle gehäuft bei Rassen auftraten, die genetisch nicht als DCM-prädisponiert gelten, und bei denen die Diäten überwiegend Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen) oder Kartoffeln als Hauptkohlenhydratquelle enthielten 7. Wichtig ist: Die FDA hat auf Basis dieser Meldungen keinen kausalen Zusammenhang zwischen getreidefreien Diäten und DCM etabliert 7. Adverse-Event-Meldungen allein erlauben keinen kausalen Schluss — fehlende Kontrolldaten, Underreporting und Confounding sind methodische Einschränkungen. Der aktuelle Forschungsstand lässt sich wie folgt zusammenfassen 11: Was bekannt ist: Der Zusammenhang ist statistisch enger mit dem hohen Anteil von Hülsenfrüchten (Pulses) assoziiert als mit dem Fehlen von Getreide per se. Eine Taurindefizienz wurde in einem Teil der Fälle gefunden, erklärt aber nicht alle Fälle — bei einem erheblichen Anteil betroffener Hunde lagen normale Taurinwerte vor. Bei einem Teil der Tiere verbesserte sich die Herzfunktion nach Diätwechsel und Taurinsupplementation, was auf Reversibilität hindeutet. Was ungeklärt bleibt: Der kausale Mechanismus ist nicht abschließend identifiziert 11. Diskutiert werden: reduzierte Bioverfügbarkeit von Taurin-Vorläufern (Methionin, Cystein) durch antinutritive Faktoren in Hülsenfrüchten (Phytate, Lektine), Auswirkungen auf das Darmmikrobiom sowie mögliche Interaktionen zwischen Rohstoffkombinationen und Futtermittelverarbeitung. Bei DCM-prädisponierten Rassen (u. a. Dobermann, Cocker Spaniel, Boxer, Deutsche Dogge, Irischer Wolfshund) und bei Tieren, die dauerhaft hülsenfruchtreiche, getreidefreie Diäten erhalten, empfehlen kardiologische Fachgesellschaften eine Verlaufskontrolle 7, 11. Eine pauschale Warnung vor getreidefrei oder umgekehrt eine Entwarnung ist nach aktuellem Stand nicht wissenschaftlich begründbar.

Stärke-Alternativen im ernährungsphysiologischen Vergleich

Getreidefreie Rezepturen ersetzen Cerealien durch Rohstoffe mit unterschiedlichen ernährungsphysiologischen Profilen. Eine differenzierte Betrachtung ist für die Fütterungspraxis relevant. Kartoffel und Süßkartoffel weisen eine gute Verdaulichkeit auf und gelten als wenig allergen. Ihr Stärkeanteil ist hoch, der Proteinanteil gering — sie dienen primär als Energiequelle ohne nennenswerte Aminosäure-Lieferung. Tapioka (Maniokstärke) ist sehr gut verdaulich und hat eine geringe intrinsische Nährstoffdichte; sie dient hauptsächlich als kalorischer Binder. Inhaltsstoffe mit ernährungsphysiologischer Relevanz sind in geringen Mengen vorhanden. Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen) liefern im Vergleich zu reinen Stärkequellen einen höheren Protein- und Ballaststoffanteil. Sie enthalten jedoch antinutritive Faktoren (Phytate, Lektine, Trypsin-Inhibitoren), die die Verdaulichkeit von Proteinen und Mineralstoffen beeinträchtigen können 1, 2. In der Futterherstellung werden diese Faktoren durch Hitzebehandlung teilweise inaktiviert; ein Resteffekt auf die Bioverfügbarkeit ist je nach Verarbeitungsintensität möglich. Vor dem Hintergrund der DCM-Debatte rückt der Hülsenfruchtanteil in der Rezeptur besonders in den Fokus 7, 11. Reis (in getreidehaltigen Premium-Diäten) gilt als einer der am besten verdaulichen Kohlenhydratlieferanten in der Kleintierernährung, ist arm an Allergenen und eignet sich gut für Tiere mit empfindlicher Verdauung 1. Die Entscheidung zwischen Getreide und Alternativstärken sollte sich an nachgewiesenen individuellen Unverträglichkeiten orientieren — nicht an Marketing-Narrativen.

Wann tierärztliche Abklärung notwendig ist

Verdacht auf Futtermittelallergie: Eine eigenständige Umstellung auf getreidefreies Futter ohne diagnostische Grundlage ist nicht zielführend, da tierische Proteine die statistisch häufigeren Auslöser darstellen 6. Die korrekte Vorgehensweise ist eine strukturierte Eliminationsdiät über mindestens acht Wochen mit einer bisher ungefütterten Protein- und Kohlenhydratquelle unter veterinärmedizinischer Begleitung, gefolgt von einer kontrollierten Provokation zur Bestätigung. Kardiale Symptome: Bei Husten, Belastungsintoleranz, vermehrtem Hecheln, Synkopen oder ungeklärtem Gewichtsverlust bei einem Hund, der dauerhaft eine hülsenfruchtreiche, getreidefreie Diät erhält, ist eine kardiologische Abklärung indiziert — einschließlich Echokardiografie und ggf. Bestimmung von NT-proBNP sowie Taurin-Plasmaspiegel 7, 11. DCM-Risikorassen: Bei genetisch prädisponierten Rassen (Dobermann, Cocker Spaniel, Boxer, Deutsche Dogge, Irischer Wolfshund) mit längerem Einsatz einer hülsenfruchtbetonten Diät empfehlen Fachgesellschaften eine prophylaktische kardiologische Untersuchung und ggf. Diätanpassung 7, 11. Irish Setter mit Malabsorptionssymptomen: Chronischer Durchfall, Gewichtsverlust und Wachstumsverzögerung bei jungen Irish Settern sind Anlass für eine gastroenterologische Abklärung inklusive Ausschluss einer GSE 3, 5.

Fazit

Getreidefreies Futter kann eine sinnvolle Wahl sein — bei nachgewiesener Unverträglichkeit gegenüber einem spezifischen Getreide oder bei rassespezifischer Glutensensitivität wie beim Irish Setter 3, 5. Für die Mehrheit gesunder Hunde und Katzen besteht keine evidenzbasierte Indikation. Die häufigsten Futterallergene bei beiden Tierarten sind tierische Proteine, nicht Getreide 6. Die DCM-Assoziation bleibt ein offenes wissenschaftliches Problem: Ein kausaler Mechanismus ist nicht etabliert, der Zusammenhang scheint enger mit hohem Hülsenfruchtanteil als mit dem bloßen Fehlen von Getreide verknüpft zu sein 7, 11. Bei betroffenen Rassen und langfristiger hülsenfruchtreicher Ernährung ist kardiologische Verlaufskontrolle angezeigt. Hochwertiges, getreidehaltiges Futter mit gut verdaulichen Cerealien wie Reis ist für gesunde Hunde und Katzen ernährungsphysiologisch unproblematisch 1, 2. Die Produktauswahl sollte sich an individuellen klinischen Befunden und der Zusammensetzung der Gesamtrezeptur orientieren — nicht am Label „getreidefrei“.

Quellen

  1. [1]FEDIAF Nutritional Guidelines (Hund & Katze)guideline
  2. [2]NRC (2006): Nutrient Requirements of Dogs and Catsguideline
  3. [3]Hall EJ, Batt RM. Dietary modulation of gluten sensitivity in a naturally occurring enteropathy of Irish setter dogs. Gut. 1992;33(2):198-205.study
  4. [4]Hall EJ, Batt RM. Abnormal permeability precedes the development of a gluten sensitive enteropathy in Irish setter dogs. Gut. 1991;32(7):749-753.study
  5. [5]Garden OA, Pidduck H, Lakhani KH, Walker D, Wood JL, Batt RM. Inheritance of gluten-sensitive enteropathy in Irish Setters. Am J Vet Res. 2000;61(4):462-468.study
  6. [6]Mueller, Olivry, Prelaud 2016 - PMC open-access full text of the BMC Vet Res allergen-frequency CATreview
  7. [7]FDA Investigation into Potential Link between Certain Diets and Canine Dilated Cardiomyopathyregulatory
  8. [8]Grain-Free Diets for Dogs and Cats: An Updated Review Focusing ...web_authority
  9. [9]Cutaneous Food Allergy in Animals - Integumentary Systemweb_authority
  10. [10]Biagi F, Maimaris S, Vecchiato CG, Costetti M, Biagi G. Gluten-sensitive enteropathy of the Irish Setter and similarities with human celiac disease. Minerva Gastroenterol Dietol. 2020 (online 2019).review
  11. [11]Freeman LM. Diet-associated dilated cardiomyopathy: the cause is not yet known but it hasn't gone away. Tufts Petfoodology, 2023.vet_association

Hinweis

Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.

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