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Symbolische Illustration: ein gesundes Jungpferd steht ruhig und aufmerksam in weichem Licht. Keine fachliche Aussage.
Erziehung & Training

Jungpferd ausbilden: Erste Schritte

Von der Bodenarbeit bis zum ersten Aufsitzen: Wie die Ausbildung eines Jungpferds phasenweise, sicher und pferdegerecht gelingt.

Von Frank MenzeFachjournalistRedaktionell geprüftAktualisiert 15. Juni 2026

Kurzantwort

Die Ausbildung eines Jungpferds beginnt nicht im Sattel, sondern am Boden: Vertrauensaufbau, Gewöhnung an Mensch und Ausrüstung sowie grundlegende Signale bilden das Fundament, bevor ein Pferd unter dem Reiter arbeitet. Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass ein strukturiertes, frühzeitiges Training – bei korrekter Dosierung – die langfristige Gesundheit und Karriere des Pferdes begünstigen kann 2. Entscheidend sind Konsequenz, Geduld und ein schrittweiser Belastungsaufbau, der Alter, Entwicklungsstand und individuelle Reaktion des Tieres berücksichtigt 5.

Grundlagen: Wann beginnt die Ausbildung?

Der Begriff „Jungpferdeausbildung“ umfasst einen weiten Zeitraum – von der ersten Menschengewöhnung im Fohlenalter bis zum systematischen Einreiten ab dem dritten oder vierten Lebensjahr. Eine klare Phaseneinteilung hilft, den Belastungsaufbau zu strukturieren und Überforderung zu vermeiden.

Phase 1 – Fohlen und Absetzer (0–12 Monate): In dieser Phase steht die sogenannte Imprägnierungs- und Sozialisierungsarbeit im Vordergrund. Das Fohlen lernt, angefasst, geführt und am Halfter gehalten zu werden. Kurze Einheiten von 5–10 Minuten sind ausreichend; längere Sessionen überfordern das noch sehr kurze Konzentrationsvermögen junger Pferde 7. Ziel ist nicht Gehorsam im klassischen Sinn, sondern die Gewöhnung daran, dass Menschen keine Bedrohung darstellen.

Phase 2 – Jährling und Zweijähriger (12–30 Monate): Das Führen an der Hand, das Gewöhnen an Putzzeug, Hufpflege, Verladen und unterschiedliche Umgebungen steht im Mittelpunkt. Longenarbeit kann behutsam eingeführt werden, sollte jedoch in dieser Phase weniger der muskulären Entwicklung als der Kommunikationsvermittlung dienen. Einheiten von 15–20 Minuten, inklusive ausreichender Pausen, sind physiologisch angemessen 5.

Phase 3 – Anreiten ab dem dritten Lebensjahr (ab ca. 30–36 Monaten): Erst wenn Skelett und Muskulatur ausreichend entwickelt sind, wird das Pferd systematisch auf den Reiter vorbereitet. Rassen mit später Entwicklung (z. B. Iberer, Kaltblüter) werden häufig erst mit vier Jahren eingeritten. Epidemiologische Daten aus dem Pferdesport legen nahe, dass ein strukturierter Trainingseinstieg im zweiten oder dritten Lebensjahr – sofern dosiert und fachkundig begleitet – mit einer geringeren Verletzungsrate in späteren Jahren assoziiert sein kann 2.

Bodenarbeit als Fundament

Bodenarbeit ist kein Ersatz für das Reiten, sondern dessen notwendige Voraussetzung. Sie ermöglicht, Signale und Reaktionen zu etablieren, bevor das zusätzliche Gewicht eines Reiters Koordination und Balance des Pferdes fordert 11.

Führen und Halfterarbeit: Das Pferd lernt, ruhig neben dem Menschen zu gehen, auf Druck am Halfter nachzugeben und auf einfache Stimmkommandos (Halt, Schritt, Trab) zu reagieren. Wichtig ist dabei, dass Signale klar, konsistent und mit minimalem Kraftaufwand gegeben werden – Druck wird sofort nachlassen, sobald das Pferd nachgibt. Dieses Prinzip der negativen Verstärkung (Druck-Nachlass-Prinzip) ist zentraler Bestandteil einer lerntheoretisch fundierten Pferdeausbildung 5.

Longieren: Das Longieren dient in der Jungpferdeausbildung primär der Kommunikation auf Distanz, der Balance und dem Verständnis von Vorwärts- und Haltsignalen. Einheiten von 10–20 Minuten pro Seite sind für Jährlinge und Zweijährige physiologisch vertretbar; längere oder einseitige Belastungen können die noch weichen Gelenke und Wachstumsfugen schädigen 7. Eine seitenwechselnde Arbeit in gleichem Umfang ist dabei zwingend, um muskuläre Dysbalancen zu vermeiden.

Desensibilisierung und Habituierung: Jungpferde reagieren auf neue Reize oft mit Flucht- oder Abwehrverhalten – das ist artgerecht und kein Fehler. Durch schrittweise, kontrollierte Gewöhnung (Habituierung) an Planen, Geräusche, Fahrzeuge, andere Tiere und wechselnde Umgebungen wird das Sicherheitsempfinden des Pferdes nachhaltig gestärkt 3. Die Intensität der Reize wird dabei graduell gesteigert, niemals sprunghaft.

Bodenarbeit als Diagnosewerkzeug: Erfahrene Ausbilder nutzen die Bodenarbeit auch, um Schmerzreaktionen, Lahmheiten oder Verhaltensauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen. Verweigert ein Jungpferd regelmäßig bestimmte Bewegungen oder zeigt es Anzeichen von Stress (häufiges Gähnen, Schwitze ohne physische Belastung, Ohren dauerhaft angelegt), sollte eine tierärztliche Untersuchung erwogen werden 5.

Vorbereitung auf das erste Aufsitzen

Das Aufsitzen ist für das Jungpferd physiologisch und psychologisch ein erheblicher Reiz. Eine sorgfältige Vorbereitung reduziert das Risiko für Mensch und Tier erheblich.

Schritt 1 – Sattelvorbereitung: Bevor ein Sattel aufgelegt wird, wird das Pferd mit dem Gewicht und dem Geräusch von Decken, Gurten und schließlich dem Sattel selbst vertraut gemacht. Der Sattel wird zunächst nur aufgelegt und wieder abgenommen, bevor der Gurt langsam und in mehreren Schritten geschlossen wird. Das Anziehen des Gurts sollte über mehrere Trainingstage verteilt erfolgen, um Schreckreaktion und Abwehr zu minimieren 4.

Schritt 2 – Gewöhnung an Druck von oben: Bevor jemand aufsteigt, lernt das Pferd, Druck von der Seite und von oben zu tolerieren. Der Ausbilder lehnt sich mit dem Bauch auf den Sattel (sogenanntes „Drüberliegen“), zunächst auf einer Seite, dann auf beiden. Das Pferd soll dabei ruhig stehen und entspannt weiteratmen.

Schritt 3 – Erste Gewichtsübernahme im Stand: Ein erfahrener, gewichtsarmer Reiter steigt das erste Mal mit Unterstützung einer zweiten Person auf. Das Pferd steht dabei zunächst still; der Reiter gibt keinerlei Reitimpulse. Dieser Schritt wird mehrfach wiederholt, bevor erste Schrittrunden folgen.

Schritt 4 – Erste Schritte unter dem Reiter: Die erste Bewegung unter dem Reiter erfolgt idealerweise an der Longe oder geführt von einer zweiten Person. Einheiten von 10–15 Minuten im Schritt sind ausreichend. Trabarbeit wird erst eingeführt, wenn das Pferd im Schritt ruhig, gleichmäßig und entspannt arbeitet 6.

Zeitlicher Rahmen: Von der Sattelvorbereitung bis zu ersten freien Runden unter dem Reiter vergehen in einer strukturierten Ausbildung typischerweise 4–8 Wochen, je nach Vorbildung und Temperament des Pferdes. Kürzere Zeitrahmen sind möglich, aber ein Zeichen erhöhten Risikos für Überrumpelungsreaktionen.

Typische Fehler und wie sie sich vermeiden lassen

Die Jungpferdeausbildung birgt spezifische Fehlerquellen, die langfristige Konsequenzen für Gesundheit und Kooperationsbereitschaft des Pferdes haben können.

1. Zu lange Trainingseinheiten: Jungpferde ermüden mental schneller als erfahrene Reitpferde. Einheiten von mehr als 30 Minuten aktiver Arbeit überfordern in der Regel die Konzentrationsspanne und erhöhen die Fehlerquote beidseitig. Kurze, klare Einheiten mit positivem Abschluss sind lerntheoretisch wirksamer 7.

2. Inkonsistente Signale: Wechseln Ausbilder häufig, oder werden Signale nicht einheitlich gegeben, entsteht beim Pferd Verwirrung statt Verständnis. Ein Trainingsprotokoll, das verwendete Signale, Reaktionen und Fortschritte dokumentiert, hilft der Kontinuität 5.

3. Überspringen von Phasen: Das Auslassen der Bodenarbeitsphase zugunsten eines früheren Aufsitzens ist einer der häufigsten Fehler. Das Pferd verfügt dann nicht über die kommunikativen Grundlagen, die es benötigt, um Reiterimpulse zu interpretieren 3.

4. Strafbasierte Methoden: Physische Strafe (z. B. Schlagen nach Schreckreaktionen) führt nachweislich zu erhöhter Stressantwort und kann Abwehrverhalten verstärken statt reduzieren. Lerntheoretisch ist die unmittelbare positive Verstärkung korrekten Verhaltens sowie das konsequente Nachlassen von Drucksignalen deutlich wirksamer 8.

5. Vernachlässigung des Herdenlebens: Jungpferde, die zu viel Einzelzeit verbringen und zu wenig Artgenossenschaft haben, entwickeln häufiger Verhaltensstörungen (Weben, Koppen, Boxenwandern). Ausreichender Auslauf in der Herde ist kein „Luxus“, sondern eine ethologische Grundvoraussetzung für psychische Stabilität und ist die Basis für kooperatives Verhalten im Training 7.

6. Fehlende tierärztliche Begleitung: Vor Beginn des Anreitens sollte ein Tierarzt oder eine Tierklinik eine orthopädische Untersuchung (Röntgen der Gliedmaßen, Beurteilung der Wachstumsfugen) durchführen. Dieser Schritt ist keine Formalität, sondern medizinische Notwendigkeit, um latente Entwicklungsstörungen vor der ersten Belastung zu erkennen.

Ernährung im Ausbildungskontext

Eine leistungsgerechte Fütterung bildet die physiologische Grundlage jeder Trainingsarbeit. Für Jungpferde gelten spezifische Nährstoffbedürfnisse, die sich von denen erwachsener Reitpferde deutlich unterscheiden.

Jungtiere unter zwei Jahren werden ernährungswissenschaftlich als „Junior Horses“ klassifiziert 9. Ihr Knochenwachstum stellt erhöhte Anforderungen an die Versorgung mit Calcium, Phosphor und Spurenelementen; Mangelzustände in dieser Phase können zu Entwicklungsorthopädien führen. Die NRC (National Research Council) liefert für Pferde nach Gewicht, Alter, Belastungsstufe und Reproduktionsstatus tabellarische Mindestanforderungen zur Vermeidung von Mangelzuständen 10.

Ein praxisrelevanter Parameter ist die Salzversorgung: Die NRC empfiehlt einen Salzgehalt von 1,6–1,8 g NaCl pro kg Futter-Trockenmasse in der Ration; bei intensiver körperlicher Arbeit können NaCl-Verluste über den Schweiß innerhalb von 1–2 Stunden harter Arbeit 30 g übersteigen 1. Für Jungpferde im leichten Training ist der Bedarf deutlich geringer, steigt jedoch mit zunehmender Belastungsintensität ab dem dritten Lebensjahr an.

Grundsätzlich gilt: Raufutter (Heu, Heulage) bildet die Basis der Jungpferdeernährung. Kraftfutter sollte bedarfsgerecht und nicht pauschal eingesetzt werden. Für individuelle Rationspläne – insbesondere bei Entwicklungsauffälligkeiten oder unzureichender Kondition – ist eine tierärztliche oder ernährungsberatende Fachkraft hinzuzuziehen.

Ausbildungsphasen im Überblick

Phase Alter Schwerpunkte Einheitsdauer (aktiv) Quellen
Sozialisierung 0–12 Monate Menschengewöhnung, Halfter, Führen, Hufpflege 5–10 min s7
Grundausbildung Boden 12–30 Monate Longieren, Desensibilisierung, Transportgewöhnung 15–20 min s5, s7
Sattelvorbereitung ab 30 Monaten Sattel/Gurt, Drüberliegen, erste Gewichtsübernahme 15–20 min s4, s6
Anreiten ab 36 Monaten (rassenabhängig) Schritt/Trab unter Reiter, Longenarbeit mit Reiter 10–25 min s2, s6
Aufbautraining ab 4 Jahren Geraderichtung, Biegung, Anlehnung, Geländearbeit 30–45 min s3, s5

Fazit

Die Ausbildung eines Jungpferds ist ein mehrjähriger Prozess, der fundiertes Wissen, Geduld und ein hohes Maß an Beobachtungsvermögen verlangt. Bodenarbeit als erste Phase ist keine optionale Ergänzung, sondern das kommunikative Fundament, auf dem alle späteren Reitarbeit aufbaut 11. Wissenschaftliche Erkenntnisse stützen einen früh beginnenden, aber dosiert gestalteten Trainingsaufbau, der das Verletzungsrisiko langfristig senken kann 2. Fehler entstehen häufig durch Zeitdruck, inkonsistente Signale oder das Überspringen von Phasen – nicht durch mangelnde Absicht 5. Wer den Entwicklungsstand des Pferdes konsequent in den Mittelpunkt stellt, schafft die Grundlage für eine tragfähige, langfristige Partnerschaft zwischen Pferd und Mensch. Tierärztliche Begleitung – insbesondere vor dem Beginn des Anreitens – bleibt dabei unverzichtbar und kann durch keinen Ratgeberartikel ersetzt werden.

Quellen

  1. [1]Nutritional Requirements of Horses and Other Equidsweb_authority
  2. [2]Training Young Horses: The Science behind the Benefitsweb_authority
  3. [3]Jungpferde-Ausbildung | Hof Bettenrodeweb
  4. [4]Hillbury-Blog: Kategorie: Jungpferde-Ausbildungweb
  5. [5]Jungpferdeausbildung – das musst Du beachten I ehorses Magazinweb
  6. [6]Jungpferde Training / Pferde Ausbildung | Painted Jewel Ranchweb
  7. [7]Jungpferde richtig trainierenweb
  8. [8]Jungpferdeausbildung Archiv » Pferdeflüsterei - dein pferdefreundlicher Shop & Blogweb
  9. [9]Feeding Junior Horses - Basic Nutritional Needs | Tribute Equineweb
  10. [10]Who are the NRC? - Balanced Equineweb
  11. [11]Bodenarbeit mit dem Pferd - So geht es richtig | Anleitungweb

Hinweis

Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.

Häufige Fragen

Was Tierhalter oft fragen