
Pferdedecke richtig wählen: Eindecken nach Wetter & Schur
Welche Pferdedecke wann sinnvoll ist, hängt von Fellzustand, Schur, Temperatur und Haltungsform ab — ein Überblick über Deckentypen, Füllgewichte und…
Kurz & Klar: Pferdedecken im Überblick
Ob ein Pferd eingedeckt werden sollte, ist keine pauschale Frage, sondern hängt maßgeblich von drei Faktoren ab: dem aktuellen Fellzustand (naturbelassen oder geschoren), der Haltungsform (Offenstall, Paddockbox, Innenbox) sowie den herrschenden Wetterbedingungen. Vollständig gewinterte Pferde mit intaktem Deckhaar regulieren ihre Körpertemperatur in der Regel bis weit unter den Gefrierpunkt ohne Hilfsmittel. Geschorene Pferde, Youngsters ohne ausgereiften Wintermantel, leistungsschwache Senioren oder Rassen mit dünnem Fell können hingegen auf eine passende Decke angewiesen sein. Die Auswahl richtet sich nach Deckentyp (Weide-, Stall-, Abschwitz- oder Fliegendecke), Füllgewicht (angegeben in Gramm Hohlfaserpolyester pro Quadratmeter, kurz g/m²) sowie korrekter Passform, um Druckstellen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zu vermeiden.
Thermoregulation beim Pferd: Was der Körper von Natur aus leistet
Pferde sind als Steppentiere an erhebliche Temperaturschwankungen angepasst. Ihr Thermoregulationssystem umfasst mehrere Mechanismen: Im Herbst beginnt die Ausbildung des Winterfells, das durch eine dichte Unterwolle und längere Deckhaare eine hohe Isolationsleistung erzielt 1. Die Haare können aufgestellt werden (Piloerektion), wodurch eine isolierende Luftschicht entsteht. Zusätzlich reguliert der Körper durch Vasokonstriktion (Verengung oberflächlicher Blutgefäße) den Wärmeverlust.
Der thermoneutrale Bereich eines gesunden, ausgewachsenen Pferdes mit Winterfell liegt nach gängiger Fachliteratur grob zwischen –15 °C und +20 °C — innerhalb dieser Spanne muss der Stoffwechsel nicht verstärkt Wärme produzieren oder aktiv abgeben. Unterhalb dieser Zone erhöht das Pferd seine Wärmeproduktion durch Muskelzittern und gesteigerten Futterumsatz; oberhalb beginnt es zu schwitzen.
Entscheidend ist, dass ein nass gewordenes Winterfell seine Isolationswirkung deutlich einbüßt: Wasser verdrängt die isolierende Luftschicht zwischen den Haaren. Dieser Effekt begründet den Einsatz von Regendecken auch bei Pferden mit unverändertem Winterfell, wenn langanhaltender Regen verbunden mit Wind und niedrigen Temperaturen auftritt 2.
Wann ist die natürliche Thermoregulation eingeschränkt?
- Junges Fohlen oder Jährling ohne vollständig ausgeprägten Wintermantel
- Ältere Pferde (ab etwa 20 Jahren) mit nachlassender Muskelmasse und reduzierter Stoffwechsellage
- Pferde mit Cushing-Syndrom (PPID), die häufig keinen regulären Fellwechsel vollziehen
- Untergewichtige Pferde mit geringen Fettreserven
- Rassen mit naturgemäß kurzem, feinem Fell (z. B. Vollblüter, Araber)
Schur: Notwendigkeit, Varianten und Konsequenzen fürs Eindecken
Die Schur ist das zentrale Argument für den konsequenten Einsatz von Decken im Winter. Arbeitspferde, die im Winter regelmäßig trainiert werden, schwitzen unter dem dichten Winterfell stark, kühlen danach jedoch nur langsam ab — ein anhaltend nasses Fell bedeutet erhöhtes Erkältungsrisiko und Unwohlsein 2. Die Schur verkürzt die Abtrocknungszeit erheblich, macht aber gleichzeitig eine Deckenversorgung obligatorisch, da der natürliche Kälteschutz entfernt wurde.
Gängige Schurvarianten und ihr Decken-Bedarf:
Vollschur (Full Clip): Das gesamte Fell wird entfernt, einschließlich Kopf und Beine. Das Pferd ist maximal thermisch ungeschützt und benötigt rund um die Uhr Deckenversorgung — im Stall eine gut isolierende Stalldecke, bei Weidegang eine gefütterte Weideschutzdecke.
Jäger-/Hunterclip (Hunter Clip): Fell an Beinen und unter dem Sattel bleibt stehen. Etwas mehr Eigenkonservierung als die Vollschur, aber ebenfalls konsequentes Eindecken erforderlich.
Blanket Clip: Hals, Schulter und Bauch werden geschoren, Rücken, Kruppe und Beine bleiben bedeckt. Mittlerer Bedarf; im Stall reicht oft eine leicht gefütterte Decke, auf der Weide ist bei niedrigen Temperaturen eine Außendecke mit moderater Füllung angebracht.
Streifenschur (Trace Clip / Low Trace): Nur die transpirationsintensiven Zonen (Bauch, unterer Hals, zwischen den Hinterbeinen) werden geschoren. Pferde behalten den überwiegenden Teil ihres Winterfells; leichte Decke oder Abschwitzdecke nach dem Training genügt in vielen Fällen 2.
Keine Schur: Naturbelassene Pferde brauchen grundsätzlich keine Decke, solange Unterstand oder Stall bei Extremwetter zugänglich ist. Ausnahmen gelten für die oben genannten Risikogruppen.
Nach einer Schur ist der Zeitpunkt der Deckenversorgung unmittelbar: Das Pferd sollte noch am selben Tag und jede folgende Nacht eingedeckt werden, solange das geschorene Fell nicht nachgewachsen ist — was im Winterhalbjahr kaum der Fall ist.
Deckentypen: Eigenschaften und Verwendungszweck
Der Markt bietet eine Vielzahl von Deckentypen, die sich in Material, Konstruktion und Einsatzbereich unterscheiden. Eine klare Kenntnis dieser Kategorien erleichtert die Auswahl erheblich 1.
Weide- und Regendecke (Turnout Rug) Konstruiert für den Außeneinsatz: Das Obermaterial ist wasserdicht (meist ripstop-behandeltes Polyester oder Oxford-Nylon), gleichzeitig in hochwertigen Ausführungen atmungsaktiv, sodass Schweißfeuchtigkeit von innen entweichen kann. Varianten reichen von ungefüttert (0 g/m², reiner Nässeschutz) bis hochgefüttert (400 g/m² und mehr) für extreme Kälte. Befestigungen umfassen typischerweise Brustschnallen, Bauchgurte und Schenkelriemen oder -gurte.
Stalldecke (Stable Rug) Für den Innenbereich konzipiert; das Obermaterial muss nicht wasserdicht sein, ist aber häufig schmutzabweisend ausgerüstet. Füllgewichte von 0 g/m² (leichte Übergangsdecke) bis 400–450 g/m² für sehr kühle Innenboxen sind erhältlich. Da Stalldecken nicht dem Regentest standhalten müssen, können sie mit weicherem Innenfutter ausgestattet werden, was den Tragekomfort verbessert.
Abschwitzdecke (Cooler / Fleece Rug) Nach dem Training oder nach dem Baden ist die Abschwitzdecke essenziell: Das meist polare oder flauschige Fleece- bzw. Thermogewebe transportiert Feuchtigkeit vom Körper weg (Wicking-Effekt) und verhindert gleichzeitig, dass das Pferd bei Zugluft schlagartig auskühlt. Abschwitzdecken sind kein Kälteschutz für längere Standzeiten im Freien 2.
Unterdecke / Kombidecke (Liner) Dünne Innendecken, die unter eine Außen- oder Stalldecke gelegt werden, um den Isolationswert zu erhöhen. Praktisch für variierendes Wetter: Statt mehrerer separater Decken genügen eine Grunddecke und ein passender Liner für unterschiedliche Temperaturbereiche.
Reisedecke Leicht, oft aus Baumwoll-Mischgewebe; schützt beim Transport im Hänger oder LKW vor Zugluft und mechanischen Einwirkungen (Scheuern an Trennwänden).
Fliegendecke (Fly Rug) Aus leichtem Netzmaterial; dient im Sommer als Schutz vor Insekten, UV-Strahlung und mechanischen Hautirritationen. Kein thermischer Schutzeffekt.
Nierendecke Kleinere Decke, die nur den Rücken- und Nierenbereich bedeckt; häufig als Übergangs- oder Aufwärmlösung beim Ausreiten oder Longieren eingesetzt 2.
Füllgewicht und Temperatur: Orientierungstabelle
Die folgende Tabelle bietet eine grobe Orientierung. Die tatsächliche Entscheidung muss immer das individuelle Pferd (Schur, Gesundheitsstatus, Kondition, Fellzustand), die Haltungsform sowie Wind- und Feuchtigkeitsverhältnisse berücksichtigen 2.
| Außentemperatur (°C) | Ungeschorenes Pferd | Teilgeschorenes Pferd | Vollgeschorenes Pferd |
|---|---|---|---|
| über +15 °C | keine Decke | keine bis leichte Übergansdecke (0–100 g/m²) | leichte Decke (100–150 g/m²) |
| +5 °C bis +15 °C | keine Decke (Unterstand empfohlen bei Regen + Wind) | leichte Decke (100–200 g/m²) | mittlere Decke (200–300 g/m²) |
| 0 °C bis +5 °C | keine bis leichte Regendecke (0–100 g/m²) bei Dauerregen | mittlere Decke (200–300 g/m²) | schwere Decke (300–400 g/m²) |
| –5 °C bis 0 °C | leichte Decke (100–200 g/m²) bei wind-nasser Witterung | schwere Decke (300–400 g/m²) | schwere Decke + Liner (400 g/m² gesamt) |
| unter –5 °C | mittlere Decke (200–300 g/m²) oder Unterstand ausreichend | schwere Decke + Liner | schwere Decke + Liner, ggf. Stallhaltung |
Hinweis: g/m² = Gramm Hohlfaserpolyester-Füllung pro Quadratmeter Deckenfläche. Angaben sind Orientierungswerte, keine verbindlichen Grenzwerte.
Passform, Anpassung und Pflege: Worauf es bei der täglichen Handhabung ankommt
Die beste Deckenkonstruktion nützt wenig, wenn die Passform nicht stimmt. Eine schlecht sitzende Decke erzeugt Druckstellen, schränkt die Bewegung ein oder rutscht und kann zur Sturzgefahr werden 1.
Größenbestimmung Pferdedecken werden in Zoll (inch) oder Zentimetern angegeben und nach der Rückenlänge des Pferdes bemessen: Messung vom Widerrist entlang der Flanke bis zum Schweifansatz. Übliche Größen liegen zwischen 115 cm (ca. 45'') für kleinere Ponys und 155 cm (ca. 61'') für großrahmige Pferde. Herstellerangaben zur Umrechnungstabelle sollten stets herangezogen werden, da die Maßsysteme variieren.
Passform-Checkliste
- Schulterfreiheit: Die Decke darf die Vorhandschuhe nicht einengen; zwischen Brustgurt und Brust sollten etwa zwei Fingerbreit Platz bleiben.
- Widerristbereich: Kein Druck auf den Widerrist; gut konstruierte Decken haben eine anatomische Aussparung oder einen erhöhten Rückenschnitt.
- Bauchgurt: Hängende Gurte können zu Verletzungen an den Hinterbeinen oder zum Einrollen führen — enger anpassen, aber Bewegungsfreiheit erhalten.
- Schenkelriemen/-gurte: Weich, locker und gekreuzt anlegen (Achterform), sodass keine Scheuerstellen entstehen.
- Heckbereich: Deckensaum sollte bis über den Schweifansatz reichen, aber nicht so weit hinunterhängen, dass er beim Liegen eingeklemmt wird.
Schutz für Fell und Mähne Unter Decken — besonders solchen mit grobem Innenmaterial — kann die Mähne durch ständige Reibung brechen oder dünn werden. Das Unterlegen einer Bandagierunterlage oder eines speziellen Liner-Shirts kann die Friktion reduzieren 3. Mähnennetze oder das Einflechten der Mähne in eine Schutzkapuze sind weitere Maßnahmen, die im Showbereich verbreitet sind.
Tägliche Kontrolle Jede Decke sollte mindestens einmal täglich abgenommen, das Fell auf Druckstellen, Wunden oder Scheuerstellen untersucht und die Decke selbst auf Beschädigungen (gerissene Gurte, defekte Schnallen) geprüft werden 2. Verschmutzte oder durchnässte Decken verlieren ihre Isolationseigenschaft und sind zu wechseln.
Reinigung und Imprägnierung Pferdedecken sollten saisonweise gewaschen und neu imprägniert werden (DWR-Beschichtung, Durable Water Repellency). Handelsübliche Deckenwaschmaschinen in Reitsportanlagen sind auf das Fassungsvermögen und die schonende Pflege der Materialien ausgelegt. Normaltemperatur-Waschmittel ohne Weichspüler erhält die atmungsaktive Membran; anschließend kann eine Wäsche mit speziellem Imprägniermittel die Wasserdichtigkeit wiederherstellen.
Fazit: Individuell abwägen statt pauschalisieren
Die Entscheidung, ein Pferd einzudecken, ist keine Frage des persönlichen Komfortgefühls des Besitzers, sondern eine sachliche Einschätzung auf Grundlage mehrerer Parameter: Fellzustand und Schurtiefe, Gesundheitsstatus, Körperkondition, Haltungsform und aktuelle Witterung 1, 2. Gut winterierte Pferde in gutem Ernährungszustand mit Zugang zu einem Unterstand brauchen in der Regel keine Decke — auch bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Geschorene, gesundheitlich beeinträchtigte oder konditionell schwache Pferde sind auf eine angemessene Deckenversorgung angewiesen.
Bei der Auswahl empfiehlt sich ein kleines Deckensortiment aus Basistypen: eine ungefütterte oder leicht gefütterte Weideschutzdecke für Regen und Übergangszeit, eine mittlere bis schwere Stalldecke für kalte Nächte, und eine Abschwitzdecke nach dem Training. Mit einem passenden Liner lässt sich das Sortiment flexibel an wechselnde Temperaturen anpassen, ohne für jedes Wetterfenster eine separate Decke anzuschaffen.
Passform und regelmäßige Kontrolle sind ebenso wichtig wie die technische Spezifikation der Decke selbst. Druckstellen und Scheuerwunden entstehen häufig nicht durch die falsche Füllmenge, sondern durch ungeeigneten Schnitt oder vernachlässigte Pflege des Zubehörs. Im Zweifelsfall und bei gesundheitlichen Auffälligkeiten — etwa bei Cushing-Syndrom oder starkem Untergewicht — sollte tierärztlicher Rat eingeholt werden.
Quellen
Hinweis
Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.