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Haltung & Pflege

Gangarten beim Pferd: Schritt, Trab, Galopp & mehr

Pferde bewegen sich in natürlichen und rassetypischen Gangarten – von Schritt, Trab und Galopp bis zum Tölt des Islandpferdes.

Von Frank MenzeFachjournalistRedaktionell geprüftAktualisiert 16. Juni 2026

Auf einen Blick

Die meisten Pferde verfügen über drei natürliche Grundgangarten: Schritt (Vier-Takt-Lateralgang), Trab (Zwei-Takt-Diagonalgang) und Galopp (Drei-Takt-Sprunggang). Bestimmte Rassen wie das Islandpferd besitzen zusätzlich genetisch verankerte Sondergangarten, allen voran den Tölt und den Fliegenden Pass 2. Die korrekte Beurteilung und Förderung aller Gangarten ist für Gesundheit, Ausbildungsfortschritt und artgerechte Bewegung des Pferdes von zentraler Bedeutung.

Die drei Grundgangarten: Definition und Abgrenzung

Pferde bewegen sich in Gangarten, die sich nach Taktfolge, Fußung, Schwebephase und Energieaufwand unterscheiden. Die drei universell vorhandenen Grundgangarten – Schritt, Trab und Galopp – sind angeboren und werden durch Reifung, Training und Haltungsbedingungen qualitativ geprägt 3.

Schritt ist die langsamste Gangart. Die Hufe werden in einer Vier-Takt-Sequenz in lateraler Reihenfolge aufgesetzt: linke Hinterhand, linke Vorhand, rechte Hinterhand, rechte Vorhand. Es gibt keine Schwebephase; stets haben mindestens zwei Hufe gleichzeitig Bodenkontakt. Die Schrittfrequenz eines ausgewachsenen Pferdes liegt je nach Typ und Ausbildungsstand bei etwa 100–120 Schritten pro Minute, die Geschwindigkeit typischerweise zwischen 5 km/h und 7 km/h. Der Schritt gilt als Erholungs- und Entspannungsgangart; gleichzeitig ist er die Gangart, die durch Reitereinwirkung am leichtesten korrumpiert werden kann. Zeitdruck, Losgelassenheitsmangel oder fehlerhafte Anlehnung führen häufig zu einem Verlieren der reinen Viertaktigkeit.

Trab ist eine Zwei-Takt-Diagonalgangart: Je ein Beinpaar aus diagonaler Vor- und Hinterhand hebt und setzt gemeinsam auf. Zwischen den beiden Diagonalpaaren liegt eine kurze Schwebephase, in der alle vier Beine in der Luft sind. Die Geschwindigkeit variiert erheblich: Vom Schultertrab mit rund 13–15 km/h bis zum Rennstrecken-Trab eines Trabrenners mit über 50 km/h ist eine große Spannweite möglich. Im Reitsport wird zwischen Arbeitstrab, Versammeltem Trab, Mittel- und Starktrab unterschieden, die zunehmende Raumgriffe und Energetik erfordern. Der Trab eignet sich besonders gut zur Beurteilung der Rückenaktivität und Losgelassenheit, da die Schwebephase den Schwingungsfluss sichtbar macht 3.

Galopp ist eine Drei-Takt-Sprunggangart mit anschließender Schwebephase, bei der alle vier Beine gleichzeitig in der Luft sind. Die Beinfolge beim Rechtsgalopp lautet: linke Hinterhand allein, dann rechte Hinterhand und linke Vorhand gemeinsam, dann rechte Vorhand (Führbein) allein, schließlich Schwebephase. Das Führbein gibt der Galoppade die Bezeichnung (Rechts- oder Linksgalopp). Die Galoppgeschwindigkeit eines Reitpferdes liegt im Arbeitsgalopp bei ca. 200–350 m/min; Rennpferde erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über 60 km/h. Der Galopp belastet das Skelett- und Sehnensystem erheblich, weshalb ein auf hartem Untergrund durchgeführtes intensives Galopptraining einen gut konditionierten und ausgebildeten Bewegungsapparat voraussetzt.

Biomechanik und Taktanalyse: Was hinter dem Rhythmus steckt

Die Ganganalyse unterscheidet zwischen symmetrischen Gangarten (Schritt, Trab) und asymmetrischen Gangarten (Galopp, Handgalopp). Bei symmetrischen Gangarten sind die Zeitintervalle zwischen den Fußungen beider Körperhälften theoretisch gleich; Abweichungen weisen auf muskuläre Asymmetrien oder orthopädische Probleme hin.

Im Schritt sind vier gleichmäßige Taktschläge ideal. Bei einem Vier-Takt mit gleichem Intervall spricht man von einem reinen Schritt. Werden laterale Paare (z. B. linke Hinterhand und linke Vorhand) nahezu gleichzeitig abgefußt, entsteht ein passgängiger Schritt – ein häufiger Ausbildungsfehler, der rhythmische und rückentechnische Probleme signalisiert.

Im Trab ermöglicht die Schwebephase eine Beurteilung der Rückenschwingung. Ein verkürzter oder abgehackter Trab ohne sichtbare Schwebephase ist ein Hinweis auf Losgelassenheitsmangel, Schmerzgeschehen oder unzureichende Hinterhandaktivität. Ganganalytische Systeme (Beschleunigungssensoren, Hochgeschwindigkeitskameras) werden zunehmend in Sportmedizin und Ganglahmheitsdiagnostik eingesetzt, um subtile Symmetriestörungen zu quantifizieren.

Im Galopp bildet der Hufschlag am Boden eine charakteristische Drei-Schlag-Sequenz mit anschließender stiller Phase. Das Führbein übernimmt die stärkste Stoßbelastung; daher ist ein gleichmäßiges Training auf beiden Händen (Wechsel des Führbeins) biomechanisch sinnvoll. Ein Kreuzgalopp (Führbein vorn und hinten nicht übereinstimmend) stellt eine erhebliche Belastung für Kreuz und Rücken dar und sollte korrigiert werden 3.

Für Haltung und Bewegung gilt: Pferde, die täglich ausreichend freie Bewegung in verschiedenen Gangarten haben, entwickeln eine bessere Muskulatur und zeigen im Training höhere Gangqualität 1. Einschränkungen durch beengte Aufstallungsformen oder fehlenden Auslauf beeinflussen die natürliche Gangentwicklung negativ.

Sondergangarten: Tölt, Fliegender Pass und weitere rassespezifische Gangarten

Neben den drei Grundgangarten existieren genetisch bedingte Sondergangarten, die nicht alle Pferde ausführen können 2. Der entscheidende molekulargenetische Hintergrund ist gut erforscht: Eine Mutation im Gen DMRT3 ist für die Fähigkeit verantwortlich, Tölt, Pass und verwandte Gangarten auszuführen. Pferde, die homozygot für diese Mutation sind, können lateral-koordinierte Gangarten produzieren, die bei anderen Pferden nicht vorkommen 2.

Tölt ist eine Vier-Takt-Lateralgangart, für die das Islandpferd weltberühmt ist 4, 5, 6. Die Fußungsreihenfolge entspricht der des Schritts (lateral: linke Hinterhand, linke Vorhand, rechte Hinterhand, rechte Vorhand), jedoch in deutlich höherer Frequenz und Energie – und mit der entscheidenden Besonderheit, dass in allen Phasen stets mindestens ein Huf Bodenkontakt hält. Dadurch entsteht kein Moment der vollständigen Schwebephase, und der Reiter erfährt kaum vertikale Erschütterungen 6. Der Tölt kann in einem breiten Geschwindigkeitsspektrum ausgeführt werden: vom langsamen „Töltschritt“ bis zur schnellen Variante, die Galoppgeschwindigkeiten erreicht. Für Reiter, insbesondere für Freizeitreiter und Personen mit Rückenproblemen, wird der Tölt wegen seiner Sitzsanftheit geschätzt. Qualitätsmerkmale eines guten Tölts sind Takt, Reinheit der Viertaktigkeit, aktive Hinterhand und freie Vorwärtsbewegung 4, 5.

Fliegender Pass (Flugskeið) ist eine Zwei-Takt-Lateralgangart: Linke Hinter- und Vorhand arbeiten gemeinsam, rechte Hinter- und Vorhand gemeinsam, mit einer kurzen Schwebephase dazwischen 5, 6. Der Pass zählt zu den schnellsten Gangarten überhaupt; Islandpferde erzielen im Rennen Geschwindigkeiten von bis zu 48 km/h. Für Reiter ist der Pass erheblich weniger sitzsanft als der Tölt; er wird vor allem im Wettkampf (Flugskeið-Prüfung) und auf kurzen Distanzen geritten. Nicht alle Islandpferde, die Tölt beherrschen, zeigen automatisch einen sauberen Pass; dieser gilt als die seltenere und technisch anspruchsvollere der beiden Sondergangarten 4, 5.

Weitere rassetypische Sondergangarten umfassen den Paso (Paso Fino, Paso Iberoamericano), den Rack (American Saddlebred), den Walk (Tennessee Walking Horse) und die Marcha (brasilianische Mangalarga-Rassen). Alle diese Gangarten sind wie Tölt und Pass an das DMRT3-Gen gebunden und stellen lateral-koordinierte Bewegungsmuster dar 2. Sie unterscheiden sich in Frequenz, Amplitude und dem genauen Timing der Fußung, haben aber gemeinsam, dass sie für Reiter äußerst sitzsanft sind und über lange Distanzen rückonenschonend geritten werden können.

Vergleich der wichtigsten Pferdegangarten im Überblick

Gangart Takt Fußungsfolge Schwebephase Typische Geschwindigkeit Rassegebunden?
Schritt 4-takt Lateral Nein 5–7 km/h Nein
Trab 2-takt Diagonal Ja (kurz) 13–15 km/h (Arbeitstrab) Nein
Galopp 3-takt + Pause Versetzt Ja (alle 4 Beine) ca. 35–50 km/h (Rennen) Nein
Tölt 4-takt Lateral Nein variabel, bis Galoppgeschwindigkeit Ja (DMRT3-Mutation)
Fliegender Pass 2-takt Lateral Ja (kurz) bis ca. 48 km/h Ja (DMRT3-Mutation)
Paso / Rack / Walk / Marcha 4-takt (Varianten) Lateral Nein oder minimal variabel Ja (DMRT3-Mutation)

Gangarten in Haltung und Ausbildung: Qualität fördern, Fehler verstehen

Die Qualität der Gangarten eines Pferdes ist kein statisches Merkmal, sondern wird maßgeblich durch Haltungsbedingungen, Bewegungsangebot, Aufwärmroutinen und reiterliche Einwirkung beeinflusst. Pferde, die dauerhaft in beengten Stallverhältnissen gehalten werden und keinen ausreichenden freien Auslauf erhalten, zeigen nachweislich eine verminderte Muskulatur und schlechtere Bewegungsqualität 1.

Freie Bewegung als Grundlage: Junges und adultes Pferd profitieren von täglicher freier Bewegung auf der Weide oder im Paddock. In der freien Bewegung wählen Pferde selbstständig Gangart und Tempo und trainieren damit natürlich ihre Koordination, Propriozeption und Muskelentwicklung. Gruppensozialisierung fördert dabei spontane Übergänge zwischen Schritt, Trab und Galopp 1.

Aufwärmen im Schritt: Vor intensiveren Trainingseinheiten ist das Aufwärmen im Schritt physiologisch sinnvoll. Die langsame Vier-Takt-Bewegung steigert die Durchblutung der Muskulatur, mobilisiert die Gelenke und bereitet das Pferd neurologisch auf komplexere Bewegungsmuster vor. Empfohlen werden je nach Pferd und Witterung 5–15 Minuten Schritt auf langer Zügel vor Beginn der eigentlichen Arbeitsphase 3.

Gangfehler erkennen: Häufige Gangfehler sind der passgängige Schritt (Verlust der Viertaktigkeit zugunsten einer Lateralkoordination), der eifrige oder abgehackte Trab ohne Rückenschwingung sowie der Kreuzgalopp. Diese Fehler haben meist reiterliche Ursachen (Überreiten, fehlerhafte Anlehnung, Überförderung), können aber auch auf muskuläre Verspannungen, orthopädische Probleme oder Ausrüstungsmängel hinweisen. Bei persistenten Gangveränderungen ist eine tierärztliche oder osteopathische Untersuchung indiziert.

Übergänge trainieren: Das gezielte Training von Übergängen zwischen den Gangarten (z. B. Schritt-Trab-Schritt, Trab-Galopp-Trab) ist ein zentrales Element der klassischen Dressurausbildung. Übergänge schulen die Rittigkeit, die Anlehnung und die Selbsttragung des Pferdes. Dabei kommt es weniger auf die Häufigkeit als auf die Qualität der Ausführung an: Ein ruhiger, losgelassener Übergang ist wertvoller als viele hastig ausgeführte Wechsel 3.

Islandpferd: Töltausbildung beginnt in der Regel auf Basis eines gut ausgebauten Schritts und freien Vorwärtsdrangs. Da der Tölt lateral koordiniert ist, zeigen manche Jungpferde ihn spontan, andere müssen gezielt über Geländearbeit und Stäbchenübungen zur Entfaltung dieser Gangart geführt werden. Die Reinheit der Viertaktigkeit hat dabei Vorrang vor der Geschwindigkeit 4, 5.

Fazit

Die Gangarten des Pferdes sind mehr als ein rein sportliches Merkmal: Sie sind Ausdruck von Gesundheit, Ausbildungsstand und artgerechter Haltung. Schritt, Trab und Galopp stehen als Grundgangarten allen Pferden zur Verfügung und unterscheiden sich fundamental in Takt, Fußungsfolge und biomechanischer Belastung. Sondergangarten wie Tölt und Fliegender Pass sind genetisch determiniert und an eine Mutation im DMRT3-Gen gebunden; sie treten natürlich nur bei bestimmten Rassen auf 2. Eine fundierte Kenntnis der Gangarten – ihrer Biomechanik, ihrer Qualitätsmerkmale und ihrer typischen Fehlerbilder – ist für Pferdehalter, Ausbilder und Reiter gleichermaßen relevant. Persistente Gangveränderungen oder -fehler sollten stets tierärztlich abgeklärt werden, da sie auf organische oder orthopädische Ursachen hinweisen können.

Quellen

  1. [1]Frontiers | Which animal-to-feeding-place ratio at time-controlled hay racks is animal appropriate? Preliminary analysis of stress responses of horsesweb_authority
  2. [2]Pferdegangart – Wikipediaweb
  3. [3]Grundgangarten des Pferdes - ClipMyHorse.TV Magazineweb
  4. [4]Die fünf Gangarten des isländischen Pferdes - Equus Victuweb
  5. [5]Gangarten - Islandpferde-Vereinigungweb
  6. [6]Die fünf Gangarten von dem Islandpferdweb

Hinweis

Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.

Häufige Fragen

Was Tierhalter oft fragen