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Symbolische Illustration: ein gesundes Pferd steht ruhig und entspannt in weichem Tageslicht. Keine fachliche Aussage.
Haltung & Pflege

Reiten lernen: Der Einstieg für Anfänger

Vom ersten Aufsitzen bis zur sicheren Grundsitzposition: Was Reiteinsteigerinnen und Reiteinsteiger über Ausrüstung, Unterricht, Pferdeverhalten und…

Von Frank MenzeFachjournalistRedaktionell geprüftAktualisiert 16. Juni 2026

Kurzantwort

Reiten lernen gelingt am sichersten und nachhaltigsten durch strukturierten Unterricht bei einer qualifizierten Reitlehrperson, geeignete Schutzausrüstung (Reithelm, feste Schuhe) und ein ruhiges, gut ausgebildetes Schulpferd. Anfängerinnen und Anfänger sollten zunächst Bodenarbeit, Grundsitz und Schrittarbeit erlernen, bevor Trab und Galopp folgen. Das Wohlbefinden des Pferdes ist dabei keine nachrangige Frage: Angst, Stress und unsachgemäße Handhabung belasten das Tier und erhöhen das Unfallrisiko 1. Ein realistischer Zeithorizont für einen stabilen Grundsitz im Schritt und Trab beträgt bei regelmäßigem Unterricht (ein- bis zweimal pro Woche) etwa drei bis sechs Monate.

Warum qualifizierter Unterricht entscheidend ist

Reiten ist eine komplexe motorische Fertigkeit, die Gleichgewicht, Körperspannung, Koordination und das Lesen von Pferdesignalen gleichzeitig erfordert. Ohne fachkundige Anleitung etablieren Anfängerinnen und Anfänger häufig Kompensationsmuster – etwa Klammern mit den Knien, übermäßiger Zügeldruck oder ein Hohlkreuz –, die sich später nur schwer korrigieren lassen und das Pferd belasten können.

Ein zertifizierter Reitunterricht, etwa über die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) oder vergleichbare nationale Verbände in Österreich (OEPS) und der Schweiz (SVPS), stellt sicher, dass Lehrende pädagogisch und reiterlich ausgebildet sind. Die Wahl des Ausbildungsstalls sollte folgende Kriterien berücksichtigen:

  1. Verfügbarkeit ruhiger Schulpferde mit nachgewiesenem Ausbildungsstand
  2. Kleingruppen oder Einzelunterricht (maximal vier Personen auf der Longe empfohlen)
  3. Sauber gehaltene Anlage als Indikator für Tierhaltungsstandard 3
  4. Transparente Kommunikation über Sicherheitsregeln und Notfallprozeduren

Das Tierwohl ist strukturell mit der Unterrichtsqualität verknüpft: Pferde, die chronischem Stress ausgesetzt sind, zeigen schwerer vorhersehbares Verhalten, was das Risiko für Reitende erhöht 1. Stressanzeichen beim Schulpferd – etwa Ohren angelegt, Schweifschlagen, Zahneknirschen am Gebiss – sollten von Lehrenden aktiv thematisiert werden.

Ausrüstung und Sicherheit: Das Minimum für Einsteigerinnen und Einsteiger

Vor dem ersten Aufsitzen ist eine Mindestausrüstung unverzichtbar. Folgende Gegenstände sind nicht optional:

Reithelm (Pflicht) Der Helm muss der aktuellen Europanorm EN 1384 (ab 2022 in der aktualisierten Fassung) oder der Norm ASTM F1163 entsprechen. Ältere Helme, auch ohne sichtbaren Schaden, sollten spätestens alle fünf Jahre ausgetauscht werden, da das Styropor-Innenmaterial altert. Nach jedem Sturz mit Kopfaufprall ist ein sofortiger Austausch notwendig.

Festes Schuhwerk Schuhe oder Stiefel müssen eine glatte Sohle und einen definierten Absatz (mindestens 1–2 cm) aufweisen, damit der Fuß nicht durch den Steigbügel rutscht. Turnschuhe oder Sandalen sind ungeeignet.

Reithandschuhe Handschuhe verbessern den Zügelfühl und schützen die Handflächen bei einem Sturz auf rauem Untergrund.

Sicherheitsweste (empfohlen) Bei Geländeausritten oder für Kinder ist eine Sicherheitsweste nach BETA-Level 3 oder höher sinnvoll. Im reinen Hallenunterricht auf der Longe wird die Veste von vielen Schulen nicht verpflichtend vorgeschrieben, erhöht aber den Schutz.

Die Ausrüstung des Pferdes – Sattel, Trense, Sattelgurt – muss regelmäßig auf Passform und Verschleiß geprüft werden. Ein schlecht sitzender Sattel erzeugt Druckstellen und Schmerzen, die das Pferdeverhalten negativ beeinflussen und Unterrichtseinheiten gefährlicher machen 1.

Phasen des Reitenlernens: Vom Grundsitz zur ersten selbstständigen Kontrolle

Der Lernprozess lässt sich in drei aufeinander aufbauende Phasen gliedern:

Phase 1: Bodenarbeit und Stallkunde (Wochen 1–4) Bevor das erste Aufsitzen erfolgt, lernen Anfängerinnen und Anfänger das Pferd am Boden zu führen, zu putzen, anzusatteln und zu trensen. Dieser Schritt ist aus mehreren Gründen unverzichtbar: Die reitende Person baut Vertrauen mit dem Tier auf, erkennt Körpersprache und lernt, Stresssignale frühzeitig zu interpretieren 1. Gleichzeitig wird das Pferd an den Geruch und die Bewegungsmuster der unbekannten Person gewöhnt.

Kernfertigkeiten der Bodenarbeit:

  • Führen in Schritt und Halt, Wendungen
  • Aufsteigen und Absteigen (auch aus dem Stand)
  • Putzen von Hufen, Fellpflege, Mähne
  • Erkennen von Körpersprachsignalen (Ohren, Schweif, Muskeltonus)

Phase 2: Longenstunden und Grundsitz (Monate 1–3) Die ersten Reitstunden finden idealerweise auf der Longe statt, sodass eine Lehrperson das Pferd kontrolliert und die Reiterin oder der Reiter sich vollständig auf den Sitz konzentrieren kann. Ziel ist ein ausbalancierter, tiefer Sitz mit lockerem Hüftgelenk, geradem Oberkörper und weichen, folgenden Händen.

Typische Lernziele dieser Phase:

  1. Gleichgewicht im Schritt ohne Festhalten am Sattelknopf
  2. Erstes Traben auf der Longe (leichtes Traben)
  3. Einwirkung mit Schenkel, Gewicht und Zügelzug verstehen
  4. Anhalten und Angaloppieren aus dem Schritt (unter Aufsicht)

Phase 3: Selbstständiges Reiten in der Gruppe (Monate 3–6+) Nachdem Grundsitz und einfache Hilfengebung sitzen, erfolgt der Übergang in Gruppenreitstunden ohne Longe. Hier werden Bahnfiguren (Volte, Ecke, Diagonale), Tempovariationen im Trab und erste Galopparbeiten trainiert. Dieser Übergang sollte schrittweise und immer in Absprache mit der Lehrperson erfolgen.

Pferdeverhalten verstehen: Tierwohl als Grundlage sicheren Reitens

Pferde sind Fluchttiere mit einem hoch entwickelten sozialen und sensorischen System. Für Anfängerinnen und Anfänger ist es essenziell zu verstehen, dass das Pferd keine Maschine ist, sondern ein Individuum mit emotionalem Erleben.

Aus tiermedizinischer Perspektive gilt: Die Versorgung eines ängstlichen, angespannten oder gestressten Pferdes – sei es veterinärmedizinisch oder in der reiterlichen Handhabung – stellt eine ethische Herausforderung dar, da das Tier emotional leidet 1. Für den Reitunterricht bedeutet das: Ein Schulpferd, das regelmäßig überfordert, erschreckt oder durch schlechte Reithilfen schmerzhaft behandelt wird, entwickelt Abwehrverhalten, das Reitanfängerinnen und -anfänger gefährdet.

Grundlegende Haltungsanforderungen für Schulpferde umfassen nach etablierten Tierschutzstandards 3:

  • Ausreichende Bewegungsfreiheit und tägliche Bewegung
  • Sozialkontakt zu Artgenossen
  • Tierärztliche Versorgung, Diagnose und Behandlung
  • Zugang zu Futter, Wasser sowie Witterungsschutz

Anzeichen für ein gut gehaltenes Schulpferd, das für den Unterricht geeignet ist:

  • Ausgeglichenes, neugieriges Verhalten beim Anbinden und Putzen
  • Entspannte Ohren, weicher Augenausdruck in Ruhephasen
  • Kein übermäßiges Zahneknirschen oder Aufsperren des Mauls beim Aufzäumen
  • Normaler Körperkonditionsscore (weder übermäßig dünn noch übergewichtig)

Veterinärinnen und Veterinäre spielen in Sportstallungen eine doppelte Rolle: Sie versorgen die Pferde medizinisch und haben gleichzeitig eine Kontrollfunktion bezüglich des Tierwohls 2. Wer einen Reitstall wählt, kann diese Schutzfunktion aktiv einbeziehen, indem der Stallbetrieb auf regelmäßige Tierarztbesuche und dokumentierte Gesundheitschecks geprüft wird.

Unterrichtsformate im Vergleich

Format Geeignet für Vorteile Nachteile
Longenreitstunde (Einzel) Absolute Anfänger, Kinder Volle Konzentration auf Sitz, Pferd kontrolliert Teurer, wenig Eigenverantwortung
Gruppenreitstunde (bis 6 Personen) Fortgeschrittene Anfänger Soziales Lernen, günstiger Weniger individuelle Korrektur
Reitferien / Intensivkurs Schneller Einstieg, Urlaub Tägliches Reiten, hohe Lernkurve Hohe körperliche Belastung, kurze Pausen
Voltigieren Kinder ab ca. 4 Jahren, Körperbewusstsein Sitzgefühl, Gleichgewicht ohne Zügelkontakt Kein eigenständiges Lenken
Einzelunterricht ohne Longe Lernende mit Vorkenntnissen Sehr individuell, hohe Eigenverantwortung Erfordert soliden Grundsitz

Tierschutzrechtlicher Rahmen und Verantwortung der Haltenden

Wer regelmäßig Reitstunden nimmt, interagiert mit Tieren, die unter definierten Tierschutznormen gehalten werden müssen. In deutschsprachigen Ländern regeln sowohl nationales Recht (Tierschutzgesetz) als auch freiwillige Branchenstandards die Mindestanforderungen an Pferdehaltung.

Der Code of Practice for the Care and Handling of Equines nennt als Grundprinzipien 3: Unterkunft, Futter und Wasser zur Erhaltung von Gesundheit und Vitalität, Bewegungsfreiheit und Auslauf für normale Verhaltensweisen, Sozialkontakt zu anderen Equiden sowie tierärztliche Versorgung einschließlich Krankheitsprävention.

Für Schulpferde in gewerblichem Betrieb gelten teils weitergehende Anforderungen. So sieht etwa die Wiener Fiaker-Verordnung für Arbeitspferde im gewerblichen Einsatz unter anderem maximal vier Arbeitstage pro Woche, Pflichtruhetage und regelmäßige Veterinärchecks vor 4. Ähnliche Prinzipien – begrenzte Arbeitsstunden, Ruhezeiten, dokumentierte Gesundheitskontrollen – sind auch für stark genutzte Schulpferde sinnvoller Standard.

Reitanfängerinnen und -anfänger können aktiv zur Tierwohlqualität beitragen:

  • Stundenzahl begrenzen: Tägliches Reiten auf demselben Schulpferd ohne Ruhepause belastet das Tier körperlich und psychisch.
  • Feedback geben: Wer beobachtet, dass ein Pferd dauerhaft Stresssymptome zeigt, sollte das ansprechen.
  • Fortbildung suchen: Kurse zur Pferdekunde und Körpersprache ergänzen rein reiterliche Ausbildung sinnvoll.

Fazit

Reiten lernen ist ein längerfristiger Prozess, der weit über das bloße Sitzen auf einem Pferd hinausgeht. Fundierter Unterricht bei qualifizierten Lehrpersonen, geeignete Schutzausrüstung und ein respektvoller Umgang mit dem Pferd als lebendigem, empfindungsfähigem Tier bilden die drei gleichwertigen Säulen eines sicheren und nachhaltigen Einstiegs. Das Wohlbefinden des Schulpferdes ist dabei keine sentimentale Forderung, sondern eine sachliche Voraussetzung für einen gefahrenarmen Lernprozess 1: Ein ausgeglichenes, nicht chronisch gestresstes Pferd verhält sich für Anfängerinnen und Anfänger deutlich besser vorhersehbar. Die Wahl eines Stalls mit transparenten Haltungsstandards, regelmäßiger tierärztlicher Betreuung 3 und pädagogisch ausgebildeten Lehrenden ist damit die wichtigste Einzelentscheidung beim Einstieg ins Reiten.

Quellen

  1. [1]Moving toward Fear-Free Husbandry and Veterinary Care for Horsesweb_authority
  2. [2]Between Leisure and Pressure—Veterinarians’ Attitudes towards the Care of Competition Horses in Germany, Austria and Switzerlandweb
  3. [3]Code of Practice for the Care and Handling of Equinesweb
  4. [4]Animal Welfare for Fiaker Horses — Husbandry, Training & Responsibility | Fiaker Paul | Fiaker Journalweb

Hinweis

Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.

Häufige Fragen

Was Tierhalter oft fragen