
Pferd im Winter: Eindecken & gesund halten
Wann Pferde eingedeckt werden sollten, welche Deckengrammaturen passen und wie Ernährung und Pflege im Winter optimiert werden — ein praxisnaher Leitfaden.
Kurzantwort: Das Wichtigste auf einen Blick
Gesunde Pferde mit intaktem Winterfell benötigen in der Regel keine Decke, da ihre thermoneutrale Zone von etwa −7 °C bis +25 °C reicht 7. Ausnahmen bilden geschorene, kranke, sehr alte oder konditionsschwache Tiere sowie Rassen mit dünnem Haarkleid, die bereits ab +10 °C Unterstützung benötigen können 2. Entscheidend ist nicht allein die Außentemperatur, sondern das Zusammenspiel aus Fellzustand, Windchill, Niederschlag, Körperkondition und Unterbringung. Eine passende Decke mit korrekt gewählter Füllung verhindert sowohl Auskühlung als auch gefährliches Überhitzen 3, 5. Parallel dazu steigt der Energiebedarf im Winter messbar an; die Rationsgestaltung und eine ausreichende Wasserversorgung sind daher ebenso Teil eines ganzheitlichen Wintermanagements.
Thermoregulation des Pferdes: Grundlagen verstehen
Pferde sind Homotherme, die ihren Energiehaushalt aktiv auf eine konstante Körperkerntemperatur von 37,5–38,5 °C ausrichten. Die thermoneutrale Zone (TNZ) beschreibt den Temperaturbereich, in dem das Tier ohne zusätzlichen Energieaufwand für die Wärmeregulation auskommt. Für Pferde mit vollem Winterfell liegt diese Zone erfahrungsgemäß zwischen etwa −7 °C und +25 °C 7. Die obere kritische Temperatur (Upper Critical Temperature, UCT) liegt im Mittel bei ca. 25 °C (77 °F), oberhalb derer das Pferd evaporative Wärmeabgabe steigern muss 1.
Die untere kritische Temperatur (Lower Critical Temperature, LCT) ist stark individuell und wird maßgeblich durch das Fell beeinflusst. Ein frisch geschorenes Pferd hat eine deutlich höhere LCT als ein Artgenosse mit vollem Winterfell. Weitere Faktoren, die die effektive LCT verschieben:
- Windchill: Wind entzieht dem Fell die isolierende Luftschicht und kann die gefühlte Temperatur erheblich senken.
- Nässe: Durchnässtes Fell verliert bis zu 60 % seiner Isolationsleistung.
- Körperkondition (BCS): Magere Pferde (BCS unter 4 von 9) haben weniger subkutanes Fettgewebe und verlieren schneller Wärme.
- Alter: Sehr alte Pferde regulieren die Körpertemperatur weniger effizient.
- Gesundheitsstatus: Erkrankte oder rekonvaleszente Tiere können ihre Thermoregulation eingeschränkt haben.
Dieses physiologische Fundament ist der erste Schritt bei jeder Entscheidung über das Eindecken.
Wann eindecken? Kriterien und Temperaturbereiche
Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zum Eindecken lässt sich nicht allein an einem Thermometerwert festmachen. Folgende Kriterien sind zusammen zu bewerten:
Kriterium 1: Fellzustand Pferde mit vollständigem, trockenem Winterfell kommen auch bei Temperaturen unter 0 °C gut zurecht, solange Wind und Nässe abgewendet werden können 4. Geschorene Pferde hingegen benötigen Unterstützung bereits bei Temperaturen unter +10 °C 2.
Kriterium 2: Temperaturbereich Eine praxisnahe Orientierung:
- Über +10 °C: Gesunde Pferde mit Winterfell benötigen keine Decke. Kältesteppen-Rassen wie Isländer oder Norweger kommen häufig gänzlich ohne Decke aus.
- 0 °C bis +10 °C: Leichte Übergangsdecke (0–100 g Füllung) für geschorene oder konditionsschwache Pferde 2, 4.
- −5 °C bis 0 °C: Mittlere Füllung (100–200 g) für gefährdete Tiere; Pferde mit Vollwinterfell brauchen keine Decke, sofern Windschutz vorhanden 4.
- Unter −5 °C bis −10 °C: Schwere Winterdecke (200–300 g oder mehr) für geschorene Pferde; Pferde mit Winterfell und trockenem Unterstand benötigen weiterhin keine Decke, wenn keine weiteren Risikofaktoren vorliegen 4, 7.
Kriterium 3: Witterungsbedingungen Wind und Regen erhöhen den Wärmeverlust erheblich. Tagestemperaturen können morgens und abends ca. 7 °C unter den Mittagswerten liegen 6. Deshalb sind tägliche, idealerweise zweimalige Temperaturkontrollen und ein flexibles Umdecken notwendig.
Kriterium 4: Haltungsform Pferde in Offenstallhaltung ohne natürlichen Windschutz benötigen bei gleichen Außentemperaturen eher eine Decke als Tiere in einem Stallgebäude. Offenstallpferde ohne Schur und mit gutem BCS kommen aber meist auch im Winter ohne aus 2.
Kriterium 5: Rasse und Typ Feingliedrige Warmblüter oder Vollblüter haben ein deutlich dünneres Fell als Kaltblüter oder Ponyrassen. Ältere Warmblüter mit abnehmender Muskelmasse sollten entsprechend früher eingedeckt werden.
Deckentypen und Füllungsgewichte im Überblick
| Deckentyp | Füllgewicht (g) | Typischer Einsatzbereich (Außentemp.) | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| Fliegendecke / Sommertuch | 0 g | +20 °C bis +35 °C | Insektenschutz, UV-Schutz, leichtes Schwitzen abtransportieren |
| Regendecke / Outdoordecke ungefüttert | 0 g | +5 °C bis +15 °C | Nässe- und Windschutz für behaarte Pferde |
| Leichte Winterdecke | 50–100 g | 0 °C bis +10 °C | Leicht geschorene Pferde, Übergangszeit |
| Mittlere Winterdecke | 150–200 g | −5 °C bis 0 °C | Stark geschorene Pferde, sehr alte Pferde |
| Schwere Winterdecke | 250–400 g | Unter −5 °C | Vollständig geschorene Pferde, Pferde mit sehr geringem BCS |
| Stalldecke | 100–300 g | Stall, −5 °C bis +5 °C innen | Geschorene Pferde im Stall, v. a. nach dem Reiten |
| Abschwitzdecke | — | Nach Belastung | Feuchtigkeitstransport, Abkühlung nach Training |
Typische Fehler beim Eindecken und ihre Folgen
Das Eindecken gehört zu den Bereichen der Pferdehaltung, in denen gut gemeinte Fürsorge häufig in das Gegenteil umschlägt. Wissenschaftliche Beobachtungen belegen, dass die Oberflächentemperatur bei falsch eingedeckten Pferden deutlich von der Norm abweichen kann, was auf ein gestörtes Thermoregulationsgleichgewicht hindeutet 3.
Fehler 1: Dauereindecken ohne tägliche Kontrolle Wird eine Decke aufgelegt und nicht täglich auf Passform, Zustand und Wärmeentwicklung darunter kontrolliert, droht chronisches Überhitzen. Pferde können unter zu warmen Decken schwitzen, durchnässen und beim Abkühlen tatsächlich auskühlen — genau das Gegenteil des beabsichtigten Effekts 3, 5.
Fehler 2: Zu warme Decke bei mildem Wetter Studien weisen darauf hin, dass Pferde unter einer zu schweren Decke überhitzen können und dann abnehmen, weil der Körper Energie für die Kühlung aufwenden muss 5. Eine Decke, die für −10 °C ausgelegt ist, bei 5 °C aufzulegen, ist daher kontraproduktiv.
Fehler 3: Schlechte Passform Druckstellen an Widerrist, Schulterblatt oder Kruppe entstehen bei zu engen oder schlecht geschnittenen Decken. Die Folgen sind Haarausfall, Scheuerstellen und in schweren Fällen Wunden. Vor dem Kauf sollte der Rückenumfang (gemessen von der Brustmitte zur Schweifrübe) exakt ermittelt werden.
Fehler 4: Durchnässte oder defekte Decken Eine Regendecke, die ihre Imprägnierung verloren hat, bietet keinen Schutz mehr und hält Feuchtigkeit am Körper. Regelmäßiges Waschpflegen und Reimprägieren sind notwendig.
Fehler 5: Eindecken ohne Berücksichtigung des individuellen Fellzustands Manchmal wird eine Decke aufgelegt, nur weil Stallnachbarn eingedeckt werden — ohne das individuelle Pferd zu beurteilen. Das Winterfell beginnt sich in Abhängigkeit von Lichtreizen (abnehmende Photoperiode) im Herbst zu entwickeln; Pferde unter künstlichem Dauerlicht im Stall bilden weniger Winterfell aus und benötigen ggf. früher eine Decke.
Fehler 6: Deckenwechsel versäumen Die Tagestemperaturschwankung im Winter kann bis zu 7 °C oder mehr betragen 6. Wer morgens eine schwere Decke auflegt und mittags bei milden Temperaturen nicht umdeckt, riskiert Überhitzung.
Ernährung im Winter: Energiebedarf, Raufutter und Wasser
Neben dem Eindecken ist die Anpassung der Fütterung der zweite tragende Pfeiler des Wintermanagements.
Erhöhter Energiebedarf bei Kälte Sobald die Außentemperatur die untere kritische Temperatur unterschreitet, steigt der Energiebedarf des Pferdes für die Thermoregulation an. Faustregel aus der Praxis: Pro Grad Celsius unterhalb der LCT muss die Ration um etwa 1–2 % des Erhaltungsbedarfs erhöht werden — allerdings variiert dieser Wert individuell und ist vom Fellzustand, Gewicht und Haltungssystem abhängig 1.
Raufutter als Wärmequelle Die mikrobielle Fermentation von Raufutter (Heu, Stroh, Heulage) im Dickdarm erzeugt erhebliche Mengen an Fermentationswärme. Damit ist eine ausreichende Raufutterversorgung nicht nur ernährungsphysiologisch, sondern auch thermisch bedeutsam. Eine Mindestmenge von 1,5–2,0 kg Heu je 100 kg Körpermasse täglich gilt als Orientierungswert für die Erhaltungsversorgung; im Winter können 2,0–2,5 kg/100 kg KM sinnvoll sein, um den erhöhten Energiebedarf abzudecken.
Vitamine und Mineralien Grünfutter, das im Sommer eine wichtige Vitamin-E-Quelle darstellt, steht im Winter nicht oder kaum zur Verfügung. Heu enthält je nach Lagerungsdauer und Qualität deutlich weniger Vitamin E als frisches Weidegras 9. Bei Pferden ohne Weidegang im Winter sollte die Mineral- und Vitaminversorgung — insbesondere Vitamin E sowie Selen — überprüft und ggf. ergänzt werden 9.
Wasserversorgung Ein gesundes Pferd nimmt je nach Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt des Futters und Aktivitätsniveau täglich etwa 19–57 Liter (5–15 Gallonen) Wasser auf 8. Im Winter sinkt die freiwillige Wasseraufnahme oft, da Pferde kaltes Wasser meiden. Lauwarm temperiertes Wasser (ca. 10–15 °C) wird besser akzeptiert. Frostfreie Tränken oder beheizte Wassereimer sind im Winter unerlässlich, da Dehydration die Kolikgefahr erhöht. Wenn eine kontinuierliche Wasserversorgung nicht gewährleistet ist, sollte das Pferd mindestens zweimal täglich getränkt werden 8.
Körperkondition regelmäßig beurteilen Die Körperkondition (Body Condition Score, BCS) sollte monatlich, bei gefährdeten Tieren zweiwöchentlich, beurteilt werden. Ein BCS von 4–6 auf der 9-Punkte-Skala gilt für Sportpferde als Zielbereich; im Winter ist ein leichtes Polster (BCS 5–6) vorteilhaft, da es als Kältepuffer dient. Bereits bei einem BCS unter 4 sollte die Ration angepasst werden, bevor ein dramatischer Gewichtsverlust eintritt.
Pflege und Gesundheitsmanagement im Winter
Fellpflege und Schur Die Schur entfernt das isolierende Winterfell und ist sinnvoll, wenn Pferde regelmäßig intensiv gearbeitet werden und stark schwitzen. Verschiedene Schurformen (Vollschur, Englische Schur, Blankenschur, Iraschur u. a.) passen den Deckenbedarf unterschiedlich stark an. Nach einer Vollschur ist eine lückenlose Deckenversorgung rund um die Uhr erforderlich.
Hufe im Winter Feucht-kalte Böden und Schnee begünstigen Strahlfäule (Thrush). Eine regelmäßige Hufpflege — Ausmisten der Hufe mindestens täglich — ist daher im Winter besonders wichtig. Schneeballen in den Hufen können durch spezielle Hufschuhe oder fettende Einlagen verhindert werden. Der Hufschmied sollte auch im Winter im regulären 6–8-Wochen-Rhythmus aufgesucht werden.
Bewegung Bewegungsmangel im Winter begünstigt Muskelabbau, Lymphstau in den Beinen (sog. „Stallbeine“) und Verhaltensprobleme. Auch bei Kälte sollte tägliche Bewegung ermöglicht werden — sei es durch Ausritt, Longenarbeit oder freien Auslauf. Vorsicht ist bei Eis- und Schneeglätte geboten.
Atemwegsgesundheit Im geschlossenen Stall steigt die Konzentration von Ammoniakgasen und Staubpartikeln. Ausreichende Belüftung ohne direkte Zugluft ist essenziell, um Atemwegserkrankungen vorzubeugen. Hochwertige, staubarme Einstreu sowie bedampftes oder eingeweichtes Heu können die Staubbelastung senken.
Impfungen und Entwurmung Der Herbst ist ein klassischer Zeitpunkt für Auffrischungsimpfungen (z. B. Influenza, Herpes) und eine Endoparasiten-Kontrolle (Kotuntersuchung, ggf. gezielte Entwurmung). Diese Maßnahmen fallen in die tierärztliche Beratungshoheit und sollten individuell abgestimmt werden.
Licht und Photoperiode Künstliche Beleuchtung im Stall (mindestens 100–200 Lux über ca. 16 Stunden täglich) hemmt die Bildung von Melatonin und verzögert oder reduziert das Winterfellwachstum. Das kann gewünscht sein (Sporthaltung, frühe Zuchtplanung), führt aber dazu, dass betroffene Pferde früher auf wärmende Decken angewiesen sind.
Fazit: Ganzheitliches Wintermanagement statt pauschaler Regeln
Pauschale Aussagen wie „ab X Grad muss ein Pferd eingedeckt werden“ greifen zu kurz. Entscheidend ist eine Gesamtbewertung: Fellzustand, Körperkondition, Windchill, Niederschlag, Haltungsform, Alter und Gesundheitsstatus des Tieres bestimmen gemeinsam, ob und mit welcher Füllung eine Decke sinnvoll ist 2, 4. Gesunde Pferde mit intaktem Winterfell kommen in einer Thermokomfortzone bis etwa −7 °C problemlos ohne Decke aus 7; ihre thermoneutrale Zone endet erst bei rund 25 °C nach oben 1.
Das Überhitzen durch zu schwere Decken ist eine mindestens ebenso ernste Fehlerquelle wie das Auskühlen 3, 5. Tägliche Kontrollen, ein flexibles Umdecken entsprechend der Tagestemperaturentwicklung 6 und das konsequente Anpassen des Energieangebots — insbesondere über Raufutter und die Sicherstellung einer ausreichenden Wasseraufnahme 8 — bilden das Rückgrat eines soliden Wintermanagements. Bei Unsicherheiten, insbesondere bei kranken, sehr alten oder hochleistenden Pferden, bleibt die tierärztliche Beratung unverzichtbar.
Quellen
- [1]Nutritional Requirements of Horses and Other Equidsweb_authority
- [2]Pferd eindecken: Temperatur Tabelle & Tipps | ehorses Magazinweb
- [3]Pferde richtig eindecken und umdecken | kraemer.deweb
- [4]HILFE! Welche Pferdedecke soll ich verwenden, wenn sich das Wetter nic - Aloga Equestrianweb
- [5]Wann braucht ein Pferd eine Decke?web
- [6]Temperatur-Hinweise für Deckenweb
- [7]Die richtige Decke für dein Pferd im Winter | FUNDIS Reitsportweb
- [8][PDF] Basic Nutritional Guidelines for Equine Management1web
- [9]NRC Nutrient Requirements Of Horses | SUCCEED Equine Blogweb
Hinweis
Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.