
Fütterungsfehler beim Pferd vermeiden
Falsche Fütterung zählt zu den häufigsten Gesundheitsrisiken beim Pferd. Dieser Leitfaden erklärt die kritischsten Fehler, ihre Ursachen und wie sie sich…
Kurzantwort: Die wichtigsten Fütterungsfehler beim Pferd
Fütterungsfehler beim Pferd umfassen ein breites Spektrum — von unzureichender Raufutterversorgung und falscher Mahlzeitenfrequenz über mangelhafte Wasserversorgung bis hin zu einer übermäßigen Zufuhr von Stärke und Zucker. 1 Da der Pferdmagen kontinuierlich Magensäure produziert und das Tier als Dauerfresser auf eine nahezu ununterbrochene Faseraufnahme angewiesen ist, können scheinbar kleine Abweichungen vom artgerechten Fütterungsrhythmus erhebliche gesundheitliche Konsequenzen haben — von Magengeschwüren über Koliken bis hin zu Hufrehe. 4 Eine korrekte Bedarfsermittlung unter Berücksichtigung von Alter, Rasse, Körpergewicht und Leistungsniveau bildet die unabdingbare Grundlage jeder Rationskalkulation. 6
Grundprinzipien der Pferdeverdauung als Basis für fehlerfreie Fütterung
Das Verdauungssystem des Pferdes ist evolutionär auf die kontinuierliche Aufnahme faserreicher, nährstoffarmer Vegetation ausgelegt. Ein ausgewachsenes Pferd verbringt unter natürlichen Bedingungen 14 bis 18 Stunden täglich mit Grasen und nimmt dabei ständig kleine Mengen Futter auf. 4 Daraus folgen zwei zentrale physiologische Merkmale, die für die Fütterungsplanung entscheidend sind.
Kontinuierliche Magensäureproduktion: Der Pferdmagen sezerniert unabhängig von der Nahrungsaufnahme permanent Salzsäure. Ausschließlich der Speichelfluss — der nur beim aktiven Kauen stimuliert wird — sowie die physische Pufferung durch Raufutterpartikel können die Magensäure neutralisieren. 4 Lange Fresspausen ohne Raufutter führen deshalb dazu, dass der nüchterne untere Magenabschnitt (Pars glandularis) direkt mit der unverdünnten Säure in Kontakt gerät, was die Entstehung von Magengeschwüren (Equine Gastric Ulcer Syndrome, EGUS) begünstigt.
Mikrobielle Fermentation im Hinterdarm: Der überwiegende Teil der Faserverdauung findet im Blinddarm (Caecum) und Grimmdarm statt, wo ein empfindliches Mikrobiom aus Bakterien, Pilzen und Protozoen Zellulose und Hemizellulose fermentiert. Abrupte Futterumstellungen, exzessive Stärkemengen oder schimmeliges Futter können dieses Mikrobiom destabilisieren, Dysbiosen auslösen und Koliken sowie Hufrehe begünstigen. 1 5
Das Verständnis dieser beiden Grundprinzipien erklärt, warum die meisten klassischen Fütterungsfehler direkt oder indirekt auf eine Unterbrechung des kontinuierlichen Fressverhaltens oder auf eine Überforderung des Hinterdarms zurückzuführen sind.
Fehler bei der Raufutterversorgung: Menge, Qualität und Frequenz
Raufutter — Heu, Heulage oder Stroh — bildet die nutritive und verhaltensbezogene Grundlage der Pferdeernährung. Dennoch zählen Fehler in diesem Bereich zu den häufigsten Ursachen ernährungsbedingter Erkrankungen. 1
Unzureichende Raufuttermenge: Als Richtwert gilt eine Mindestmenge von 1,5 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht und Tag (bezogen auf Trockenmassegehalt ca. 85–88 %), wobei 2 kg/100 kg KG bei vielen Pferden bedarfsgerechter ist. 1 Wird diese Menge unterschritten — etwa aus Angst vor Übergewicht —, entstehen verlängerte Fresspausen, die neben Magengeschwüren auch stereotype Verhaltensweisen (Koppen, Weben) fördern können.
Schlechte Heuqualität: Schimmeliges, staubiges oder gärungsgeschädigtes Heu ist eine der gravierendsten Fehlerquellen. 1 Mykotoxine aus Schimmelpilzen können Leberschäden, Fruchtbarkeitsstörungen und neurologische Ausfälle verursachen. Staubiges Heu erhöht die Sporenbelastung der Atemwege und begünstigt das Equine Asthma (früher: RAO/COPD). Die Qualitätsprüfung vor der Verfütterung — visuelle Kontrolle, Geruchsprobe und bei Bedarf Laboranalyse — ist deshalb obligatorisch.
Abrupte Futterumstellung: Jede Änderung der Raufutterart oder -charge sollte über mindestens 10–14 Tage schrittweise erfolgen, da das hinderdarmständige Mikrobiom Zeit benötigt, sich enzymatisch anzupassen. 1 Eine zu rasche Umstellung — etwa vom Winterheu auf frisches Weidegras im Frühjahr — ist eine klassische Auslösesituation für Weidekrankheit (Frühjahrshufrehe) und Koliken.
Stroh als alleiniges Raufutter: Stroh hat einen sehr hohen Rohfaseranteil, aber einen geringen Energiegehalt und deckt den Proteinbedarf nicht. In Kombination mit Heu kann es als sättigende Ergänzung sinnvoll sein, ersetzt Heu jedoch nicht vollständig. Bei Pferden mit erhöhtem Kalorienverbrauch (Zuchtstuten, Jungtiere, Sportpferde) sollte der Strohanteil entsprechend begrenzt werden. 6
Übermäßige Stärke- und Zuckerzufuhr: Risiken durch Kraftfutter
Kraftfutter — Getreide, Müslis, pelletierte Konzentrate — ermöglicht eine energiedichte Rationsgestaltung, birgt aber spezifische Risikopotenziale, wenn die Verdauungskapazität des Dünndarms überschritten wird.
Stärkemenge pro Mahlzeit: Der Dünndarm eines Pferdes kann pro Mahlzeit nur eine begrenzte Stärchemenge enzymatisch verdauen. Als Richtwert gilt, nicht mehr als 1–2 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit zu verabreichen; bei einem 500-kg-Pferd entspricht das maximal 500–1000 g Stärke je Mahlzeit. 1 Wird dieser Wert überschritten, gelangt unverdaute Stärke in den Blinddarm, wo sie von säurebildenden Bakterien fermentiert wird — die resultierende pH-Absenkung schädigt die nützliche Mikroflora und kann Koliken sowie Hufrehe auslösen.
Getreidearten im Vergleich: Hafer gilt als am besten verträglich, da seine Stärke vergleichsweise leicht löslich ist. Gerste und Mais enthalten resistentere Stärkestrukturen und sollten stets gequetscht oder thermisch behandelt (expandiert, geflockert) verfüttert werden, um die Verdaulichkeit zu erhöhen. Weizen besitzt einen sehr hohen Stärkegehalt und ist in größeren Mengen für Pferde ungeeignet. 5
Zuckerreiche Futtermittel: Stark melassierte Kraftfutter sowie zuckerreiche Ergänzungsmittel liefern schnell resorbierbare Kohlenhydrate, die zu Insulinspitzen führen. Bei Pferden mit equinem metabolischem Syndrom (EMS) oder Pferden mit Insulindysregulation (ID) ist dies besonders kritisch, da erhöhte Insulinspiegel als wesentlicher pathogener Faktor der Hufrehe gelten. 5 6 Die Gesamtaufnahme von nichtstrukturellen Kohlenhydraten (NSC = Stärke + Zucker) sollte bei gefährdeten Pferden unter 10 % der Trockenmasseaufnahme bleiben.
Mahlzeitenfrequenz: Werden große Kraftfuttermengen in nur einer oder zwei täglichen Mahlzeiten verabreicht, erhöht sich das Überlastungsrisiko des Dünndarms erheblich. Die Aufteilung auf mindestens drei Mahlzeiten täglich reduziert die Stärkemenge pro Mahlzeit und damit das Risiko. 1
Wasserversorgung und Mineralstoffbilanz: Häufig unterschätzte Fehlerquellen
Wasserversorgung: Ein erwachsenes Pferd benötigt je nach Umgebungstemperatur, Aktivität und Fütterungsart zwischen 20 und 60 Liter Wasser pro Tag; bei intensiver Arbeit und hohen Temperaturen kann der Bedarf erheblich höher liegen. 3 Ein dauerhafter Wassermangel beeinträchtigt die Darmpassage, erhöht die Kotviskosität und ist ein anerkannter Risikofaktor für Verstopfungskoliken (Obstipationskolik). Häufige Ursachen für unzureichende Wasseraufnahme sind verschmutztes oder gefrierkaltes Wasser (unter 5 °C werden Tränken häufig gemieden), defekte Selbsttränken sowie sozialer Stress an der gemeinschaftlichen Tränke.
Salz- und Elektrolytversorgung: Das NRC empfiehlt einen Salzgehalt von 1,6–1,8 g NaCl pro kg Futtertrockensubstanz in der Tagesration. 2 Bereits bei ein bis zwei Stunden intensiver Arbeit können Schweißverluste von mehr als 30 g NaCl auftreten, was den Grundbedarf deutlich überschreitet. 2 Ein dauerhafter Natriummangel reduziert das Durstgefühl, verringert die Wasseraufnahme und verschärft das Dehydrationsrisiko. Die Bereitstellung eines Salzlecksteins gilt als Minimalmaßnahme; bei intensiv arbeitenden Pferden ist eine gezielte Elektrolytergänzung sinnvoll.
Calcium-Phosphor-Verhältnis: Das Verhältnis von Calcium zu Phosphor in der Gesamtration sollte zwischen 1,5:1 und 2,5:1 liegen. 1 Eine Umkehr dieses Verhältnisses (Phosphorüberschuss) — wie sie bei getreidelastigen Rationen ohne ausreichendes Heu auftreten kann — fördert die Entstehung von Knochenstoffwechselstörungen (Nutritive Sekundärer Hyperparathyreoidismus). Grasgras und Heu liefern in der Regel ausreichend Calcium; Getreide ist hingegen calcium-arm und phosphorreich.
Spurenelementmängel: Defizite in der Versorgung mit Selen, Zink, Kupfer oder Vitamin E sind auf vielenStandorten in Deutschland weit verbreitet und führen zu Leistungsminderung, schlechter Fellqualität, Immunsuppression und Muskelerkrankungen (Weißmuskelkrankheit bei Selenmangel). 5 Die Fütterung eines hochwertigen Mineralfutters, das auf die regionale Grundfutteranalyse abgestimmt ist, ist daher einer pauschalen Supplementierung vorzuziehen. Gleichzeitig muss eine Überversorgung mit Selen (Grenzwert ca. 2 mg/kg TM in der Gesamtration) vermieden werden, da Selenose lebensbedrohlich sein kann.
Übersicht: Häufige Fütterungsfehler, Ursachen und mögliche Folgen
| Fütterungsfehler | Typische Ursache | Mögliche gesundheitliche Folge |
|---|---|---|
| Zu lange Fresspausen (> 4 h ohne Raufutter) | Restriktive Heufütterung, schlechtes Zeitmanagement | Magengeschwüre (EGUS), Stereotypien 4 |
| Schimmeliges oder staubiges Heu | Schlechte Ernte, fehlerhafte Lagerung | Mykotoxikosen, Equines Asthma 1 |
| Zu viel Stärke pro Mahlzeit (> 1–2 g/kg KG) | Große Kraftfuttergaben auf wenige Mahlzeiten verteilt | Blinddarmfermentation, Kolik, Hufrehe 1 |
| Abrupte Futterumstellung | Wechsel von Heu zu Weidegras, Chargenwechsel | Dysbiose, Kolik, Frühjahrshufrehe 1 |
| Unzureichende Wasserversorgung | Verschmutzte Tränken, Frost, Stress | Obstipationskolik, Dehydration 3 |
| Natriummangel / fehlende Elektrolyte | Kein Salzleckstein, keine Ergänzung bei Arbeit | Reduzierte Wasseraufnahme, Leistungsabfall 2 |
| Falsches Ca:P-Verhältnis | Getreidelastige Ration ohne Mineralfutter | Knochenstoffwechselstörungen 1 |
| Spurenelementmangel (Selen, Zink, Kupfer) | Fehlende Grundfutteranalyse, Verzicht auf Mineralfutter | Muskelerkrankungen, Immunsuppression, Fruchtbarkeitsstörungen 5 |
Individuelle Bedarfsberechnung: Warum pauschale Rationen scheitern
Einer der grundlegendsten Fehler in der Pferdefütterung ist die unkritische Übernahme pauschaler Fütterungsempfehlungen ohne Berücksichtigung individueller Faktoren. 6 Der tatsächliche Energiebedarf eines Pferdes variiert erheblich je nach folgenden Parametern:
Körpergewicht und Body Condition Score (BCS): Ohne Kenntnis des genauen Körpergewichts — ermittelt per Bandmaß oder besser per Waage — ist eine bedarfsgerechte Rationskalkulation nicht möglich. Der BCS nach Henneke (Skala 1–9) ergänzt das Gewicht um eine Einschätzung der Körperfettreserven. Ein BCS von 5–6 gilt als erstrebenswert; Werte über 7 erhöhen das metabolische Risiko, Werte unter 3 weisen auf Mangelernährung hin.
Leistungsniveau: Der Energiebedarf steigt vom ruhenden Pferd bis zur intensiven Wettkampfarbeit erheblich an. Stuten in Hochträchtigkeit (letztes Trimester) und Laktation haben zudem einen signifikant erhöhten Protein-, Calcium- und Energiebedarf. 6
Alter: Fohlen, Jährlinge und ältere Pferde haben spezifische Anforderungen. Ältere Pferde zeigen häufig eine reduzierte Darmpassagedauer, schlechtere Proteinverwertung und können durch Zahnprobleme in ihrer Kaukapazität eingeschränkt sein — was die Verfügbarkeit von Raufutternährstoffen reduziert. 6
Rasse und Typ: Ponys, Warmblüter und Kaltblüter unterscheiden sich erheblich in ihrer Energieeffizienz. Ponyrassen und Kaltblüter neigen zu Übergewicht und sind anfälliger für EMS und Hufrehe bei energiereicher Fütterung. 5 6
Grundfutteranalyse: Die chemische Zusammensetzung von Heu variiert je nach Pflanzenzusammensetzung, Schnittzeitpunkt, Düngung und Witterung erheblich. Ohne eine Laboranalyse des Grundfutters (zumindest Rohprotein, Rohfaser, Energie, Calcium, Phosphor) ist eine präzise Mineralstoffbilanzierung kaum möglich. Viele Mängel entstehen, weil der tatsächliche Nährstoffgehalt des Heus deutlich unter den angenommenen Standardwerten liegt. 1 5
Die Fütterungsoptimierung sollte daher idealerweise unter Einbeziehung einer Grundfutteranalyse sowie einer fachkundigen Rationsberechnung erfolgen; bei spezifischen Erkrankungen (Hufrehe, EMS, PPID) ist die tierärztliche Begleitung unerlässlich.
Fazit: Evidenzbasierte Fütterung als kontinuierlicher Prozess
Fütterungsfehler beim Pferd entstehen selten aus Gleichgültigkeit, sondern häufig aus Unkenntnis der physiologischen Grundbedürfnisse oder aus der unkritischen Übernahme überlieferter Haltungsroutinen. 1 Die wichtigsten Schutzmaßnahmen lassen sich auf wenige Prinzipien verdichten: kontinuierliche Raufutterversorgung in ausreichender Menge und einwandfreier Qualität, bedarfsangepasste und mahlzeitenverteilte Kraftfuttergaben, gesicherte Wasser- und Elektrolytversorgung sowie eine auf Grundfutteranalyse gestützte Mineralstoffbilanzierung. 1 2 Pauschale Empfehlungen ersetzen keine individuelle Bedarfsermittlung, die Körpergewicht, BCS, Leistung, Alter und Rasse einbezieht. 6 Bei Anzeichen ernährungsbedingter Erkrankungen — wiederkehrende Koliken, Gewichtsverlust, Fellveränderungen, Hufrehe oder Leistungsabfall — ist eine tierärztliche Abklärung und ggf. ernährungsphysiologische Beratung geboten. Dieser Artikel ersetzt keine veterinärmedizinische Diagnose oder Therapieempfehlung.
Quellen
- [1][PDF] Feed and Feeding-related Damage in Horses using Case Examplesweb_authority
- [2]Nutritional Requirements of Horses and Other Equidsweb_authority
- [3]Fütterungsfehler Pferd vermeiden I ehorses Magazinweb
- [4]Die Verdauung des Pferdes und Folgen falscher Fütterung | FNweb
- [5]Futterwissen: Warum so viele Pferde Mängel habenweb
- [6]Häufige Pferdekrankheiten durch falsche Fütterungweb
Hinweis
Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.