
Pferd richtig füttern: Der Grundlagen-Guide
Warum Pferde als Dauerfresser spezielle Ansprüche an Raufutter, Kraftfutter und Fütterungsrhythmus stellen – fachlich fundiert erklärt.
Kurzantwort: Das Wichtigste auf einen Blick
Pferde sind physiologisch auf kontinuierliche Raufutteraufnahme ausgelegt: Der Magen produziert dauerhaft Salzsäure, und Fresspausen von mehr als vier bis sechs Stunden erhöhen das Risiko für Magenulzera erheblich. Die Basis jeder Pferdefütterung bildet qualitativ hochwertiges Heu in einer Mindestmenge von 1,5 bis 2,0 % der Körpermasse pro Tag 1, 3. Kraftfutter ist nur bei erhöhtem Energiebedarf (Hochleistungssport, Trächtigkeit, Laktation) notwendig und sollte pro Mahlzeit 0,3 % der Körpermasse nicht überschreiten, um Stärkeüberlastung des Dünndarms und damit verbundene Kolikrisiken zu minimieren 3. Bei Erkrankungen wie Hufrehe, Equinem Metabolischem Syndrom (EMS) oder PSSM ist eine individuelle Fütterungsberatung durch eine Pferdeklinik oder einen Fachtierarzt unerlässlich.
Das Pferd als Steppentier: Physiologische Grundlagen der Ernährung
Das Hauspferd (Equus caballus) ist evolutionär als Steppentier geformt worden, das in seiner natürlichen Umgebung täglich 16 bis 18 Stunden mit der Aufnahme faserreicher, nährstoffarmer Vegetation verbringt 4. Diese Lebensweise hat ein Verdauungssystem hervorgebracht, das auf kontinuierlichen Nahrungsfluss eingestellt ist – nicht auf zeitlich begrenzte, nährstoffkonzentrierte Mahlzeiten, wie sie in der Stallhaltung häufig vorkommen.
Der Magen des Pferdes ist im Verhältnis zur Körpergröße vergleichsweise klein und fasst lediglich 8 bis 15 Liter. Er produziert jedoch unabhängig davon, ob Futter vorhanden ist, kontinuierlich Salzsäure. Ohne Raufutter als Puffersubstrat sinkt der pH-Wert im ventralen, säureproduzierenden Magenabschnitt rasch ab, was die empfindliche Plattenepithelschleimhaut im dorsalen Magenbereich angreift. Lange Fresspausen ohne Raufutter gelten daher als wesentlicher Risikofaktor für equine Magenulzera (EGUS, Equine Gastric Ulcer Syndrome) 3.
Grazing-Studien zeigen, dass Pferde bei ausreichendem Weideflächenangebot aktiv unterschiedliche Futterqualitäten selektieren und dabei sowohl auf Schmackhaftigkeit als auch auf Nährstoffgehalt reagieren 4. Die Diversität des Weidebestands beeinflusst dabei direkt die Qualität und Quantität der aufgenommenen Ration. Dieses natürliche Selektionsverhalten unterstreicht, dass eine monotone Fütterung mit ausschließlich einem Raufutter die artgemäßen Bedürfnisse nur eingeschränkt abdeckt.
Das Verdauungssystem des Pferdes: Kompaktübersicht
Der Verdauungstrakt des Pferdes gliedert sich funktional in zwei grundlegend verschiedene Abschnitte: den enzymatischen Verdauungsabschnitt (Magen und Dünndarm) sowie den mikrobiellen Fermentationsabschnitt (Blinddarm und Dickdarm, zusammen als Hinterdarm bezeichnet).
Magen und Dünndarm: Im Magen wird Futter durch Salzsäure und Pepsin voraufgeschlossen. Der Dünndarm, mit einer Länge von etwa 20 bis 25 Metern, ist für die enzymatische Verdauung von Stärke, löslichen Zuckern, Proteinen und Fetten zuständig. Die Kapazität des Dünndarms zur Stärkeverdauung ist jedoch begrenzt: Übersteigt der Stärkegehalt einer Einzelmahlzeit die Absorptionskapazität (ca. 1 g Stärke/kg Körpermasse gelten als Richtwert), gelangt unverdaute Stärke in den Hinterdarm 3.
Hinterdarm (Zäkum und Kolon): Der Hinterdarm mit einem Fassungsvermögen von bis zu 130 Litern beherbergt ein komplexes Mikrobiom aus Bakterien, Pilzen und Protozoen, das strukturelle Kohlenhydrate (Zellulose, Hemizellulose, Pektin) durch mikrobielle Fermentation zu flüchtigen Fettsäuren (VFAs: Acetat, Propionat, Butyrat) abbaut. Diese VFAs decken beim weidenden Pferd bis zu 70 % des Erhaltungsenergiebedarfs. Voraussetzung für eine stabile Fermentation ist ein pH-Wert von > 6,2 im Hinterdarm 3. Gelangt unverdaute Stärke aus einer übermäßigen Kraftfuttermahlzeit in den Hinterdarm, kommt es zur rasch ablaufenden bakteriellen Vergärung mit Laktatbildung, pH-Absturz und Dysbiose – ein zentraler Pathomechanismus der Stärkefermentations-Kolik sowie der futterbedingten Hufrehe 3.
Raufutter: Heu als unverzichtbare Basis der Pferdefütterung
Raufutter – insbesondere Heu – bildet das Fundament jeder artgerechten Pferdeernährung. Der Fachkonsens, wie er vom US-amerikanischen National Research Council (NRC) in den Nutrient Requirements of Horses zusammengefasst wird, empfiehlt eine Raufutter-Mindestmenge von 1,5 bis 2,0 % der Körpermasse (KM) pro Tag als Frischmasse 1. Für ein 500-kg-Pferd entspricht dies 7,5 bis 10,0 kg Heu täglich. Diese Menge sichert einerseits die ausreichende Hinterdarmfüllung für eine stabile Fermentation, andererseits die notwendige Kauaktivität, die mit der Speichelproduktion und damit der Magenpufferung verknüpft ist.
Heuqualität: Die Qualität des Heus ist entscheidend. Wichtige Parameter sind:
- Botanische Zusammensetzung: Ein hoher Anteil an Süßgräsern (z. B. Timothee, Wiesenschwingel) und Leguminosen (z. B. Luzerne) beeinflusst den Rohprotein- und Energiegehalt erheblich. Luzernereiches Heu weist typischerweise hohe Calciumgehalte auf, was das Ca:P-Verhältnis verschiebt.
- Rohfasergehalt: Qualitativ hochwertiges Wiesenheu enthält in der Regel 25 bis 35 % Rohfaser in der Trockenmasse (TM) und eignet sich damit als Basisraufutter für den Großteil der Pferdepopulation.
- Hygienische Qualität: Schimmelkontamination, Staub und erhöhter Sporenbesatz sind häufige Ursachen für Atemwegserkrankungen (RAO/SPAOPD). Heu sollte trocken (Wassergehalt < 15 %), staubarm und frei von Schimmelpilzen sein.
- Fruktan- und Zuckergehalt: Gras und daraus gewonnenes Heu können erhebliche Mengen an wasserlöslichen Kohlenhydraten (WSC: Fruktane, Glukose, Fruktose, Saccharose) enthalten. Hohe WSC-Gehalte sind besonders für Pferde mit Hufrehe-Risiko, EMS oder PPID (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction) problematisch. Für diese Tiere wird oft Heu mit < 10 % WSC in der TM empfohlen, was eine Heuanalyse erforderlich macht.
Weidegang: Frisches Gras als Raufutterquelle ist grundsätzlich wertvoll, birgt jedoch saisonale Risiken. Im Frühjahr und nach Trockenstress akkumulieren viele Gräser hohe Fruktanmengen, die – vor allem bei genetisch prädisponierten Pferden – als Trigger für Hufrehe diskutiert werden 4. Weidemanagement (begrenzte Weidezeiten, Maulkorb, ausgewählte Koppeln) ist für gefährdete Pferde deshalb ein wesentlicher Bestandteil der Fütterungsstrategie.
Alternativen zu Heu: Haylage (Anwelksilage), Stroh (als Raufutter-Ergänzung, nicht alleinige Basis) sowie eingeweichtes Heu sind Alternativen, die je nach Pferd und Gesundheitszustand unterschiedliche Vor- und Nachteile aufweisen. Stroh sollte aufgrund seines sehr niedrigen Nährstoffgehalts und hohen Ligningehalts nicht mehr als 30 bis 50 % des Raufutteranteils ersetzen.
Kraftfutter, Wasser und Mineralstoffe: Ergänzung mit Augenmaß
Kraftfutter – wann und wie viel?
Kraftfutter (Getreide, Müslis, Pellets, Fettergänzer) ist keine Grundvoraussetzung der Pferdefütterung, sondern ein Supplement für Tiere mit erhöhtem Energiebedarf. Reit-, Fahr- oder Rennpferde in intensivem Training, hochtragenden Stuten (ab dem 7. Trächtigkeitsmonat steigt der Energiebedarf gegenüber der Erhaltung um 7 bis 18 % 1, 2) und laktierenden Stuten können ihren Bedarf allein über Raufutter nicht decken.
Das zentrale Risiko liegt in der Stärkeüberladung des Dünndarms: Pro Einzelmahlzeit sollte die Kraftfuttermenge 0,3 % der Körpermasse nicht überschreiten 3. Bei einem 500-kg-Pferd entspricht das maximal 1,5 kg Kraftfutter pro Fütterungszeitpunkt. Überschreitungen führen dazu, dass unverdaute Stärke in den Hinterdarm gelangt, dort die mikrobielle Fermentation destabilisiert und akute Kolik sowie Hufrehe begünstigt 3.
Bei mehrfacher täglicher Kraftfuttergabe (z. B. dreimal täglich) sind Gesamtmengen von bis zu 0,9 % der Körpermasse möglich, ohne die Einzelmahlzeitsgrenze zu überschreiten – vorausgesetzt, zwischen den Mahlzeiten wird ausreichend Raufutter aufgenommen.
Wasser
Pferde benötigen je nach Körpergröße, Temperatur und Arbeitsbelastung täglich 30 bis 60 Liter Wasser. Bei hohen Umgebungstemperaturen oder intensiver Arbeit kann der Bedarf auf 80 Liter und mehr ansteigen. Wasser muss dauerhaft und in ausreichender Menge zugänglich sein; Einschränkungen der Wasserverfügbarkeit sind ein häufig unterschätzter Risikofaktor für Verstopfungskoliken. Die Wassertemperatur beeinflusst die Aufnahmebereitschaft: sehr kaltes Wasser (< 5 °C) wird von vielen Pferden gemieden.
Mineralstoffe und Spurenelemente
Das Calcium-Phosphor-Verhältnis (Ca:P) ist einer der am besten untersuchten Mineralstoffparameter in der Pferdeernährung. Es sollte mindestens 1,1:1 betragen und 6:1 nicht dauerhaft überschreiten 1, 2. Ein inverses Verhältnis (P > Ca) hemmt die intestinale Calciumabsorption und kann langfristig zur sogenannten Kleie-Krankheit (Nutritive Secondary Hyperparathyroidism) führen. Getreide-betonte Rationen mit hohem Kleieanteil sind typische Auslöser.
Darüber hinaus sind Natrium (über Salzleckstein oder mineralstoffangereichertes Ergänzungsfutter), Magnesium, Selen (regional stark variierend; Selenversorgungskarte Deutschland zeigt großflächige Unterversorgung) sowie die fettlöslichen Vitamine A, D und E für eine bedarfsdeckende Versorgung relevant. Eine bedarfsgerechte Mineralergänzung sollte immer auf einer Grundfutteranalyse basieren.
Fütterungsrhythmus, Ruhepausen und typische Fehler
Fütterungsrhythmus
Aufgrund der kontinuierlichen Magensäureproduktion sind häufige, kleine Raufuttergaben physiologisch vorteilhafter als zwei große Mahlzeiten täglich. Fresspausen von mehr als vier bis sechs Stunden – wie sie bei zweimaliger Heufütterung ohne Raufutterdepot entstehen können – erhöhen das Ulkusrisiko 3. Optimal ist ein Fütterungsregime, das 16 bis 18 Stunden täglich Zugang zu Raufutter sicherstellt, etwa durch langsame Heufressgitter, Heunetze mit kleinen Maschen (≤ 3 cm) oder Raufen mit Rationierung.
Ruhezeiten nach der Fütterung
Nach Kraftfuttergaben wird eine Ruhezeit von mindestens 30 bis 60 Minuten vor intensiver Arbeit empfohlen, um die gastrointestinale Durchblutung nicht durch muskuläre Beanspruchung zu beeinträchtigen. Nach der Arbeit sollte zunächst Raufutter, erst danach Kraftfutter gereicht werden.
Typische Fütterungsfehler
- Zu wenig Raufutter: Unterschreitung der Mindestmenge von 1,5 % KM/Tag erhöht das Kolik- und Ulkusrisiko und begünstigt Verhaltensstörungen (Koppen, Weben) durch mangelnde orale Beschäftigung 3.
- Zu große Kraftfuttereinzelmahlzeiten: Überschreiten der 0,3-%-KM-Grenze pro Mahlzeit führt zu Stärkeüberschwemmung des Hinterdarms 3.
- Abrupte Futterumstellungen: Jede Futterumstellung sollte über mindestens 10 bis 14 Tage erfolgen, um dem Mikrobiom des Hinterdarms Anpassungszeit zu geben. Abrupte Änderungen – z. B. plötzlicher Weideauftrieb oder Wechsel der Heuportion – sind ein klassischer Kolik-Auslöser.
- Unkontrollierter Weideauftrieb im Frühjahr: Fruktanreiche Gräser in der Wachstumsphase erhöhen bei prädisponierten Pferden das Hufrehe-Risiko erheblich 4. Ein schrittweiser Weideauftrieb (beginnend mit 15 bis 30 Minuten täglich) und die Bevorzugung von Morgenstunden (geringere Fruktanakkumulation) sind etablierte Präventionsmaßnahmen.
- Mangelnde Wasserversorgung: Unzureichende oder zu kalte Wasserquellen begünstigen Verstopfungskoliken, besonders im Winter.
- Fehlende Heubeprobung: Ohne Analyse der Heuinhaltsstoffe ist eine bedarfsgerechte Mineralergänzung nicht möglich; blinde Supplementierung birgt sowohl Unter- als auch Überversorgungsrisiken (z. B. Selentoxikose bei unkontrollierter Zugabe selenreicher Präparate).
- Körperkondition nicht regelmäßig beurteilen: Der Body Condition Score (BCS nach Henneke, 1–9) sollte mindestens monatlich erhoben werden; sowohl Untergewicht (BCS < 4) als auch Übergewicht (BCS > 7) haben erhebliche gesundheitliche Konsequenzen.
Übersicht: Orientierungswerte für die Pferdefütterung (500-kg-Pferd)
| Parameter | Orientierungswert | Anmerkung |
|---|---|---|
| Raufutter-Mindestmenge | 1,5–2,0 % KM/Tag (7,5–10,0 kg/Tag) | Frischmasse Heu; Basis für alle Pferde 1 |
| Kraftfutter pro Einzelmahlzeit | max. 0,3 % KM (max. 1,5 kg) | Zur Vermeidung von Stärkeüberlastung des Hinterdarms 3 |
| Tägliche Wasseraufnahme | 30–60 L/Tag | Bei Hitze/Arbeit bis > 80 L/Tag |
| Ca:P-Verhältnis | mind. 1,1:1, max. 6:1 | Umkehrung fördert Hyperparathyreoidismus 1, 2 |
| Fresspause (Raufutter) | max. 4–6 h | Längere Pausen erhöhen Magenulkus-Risiko 3 |
| Energiemehrbedarf Trächtigkeit (Monat 10) | +18 % gegenüber Erhaltung | Stufenweise Erhöhung ab Monat 7 1, 2 |
| WSC-Grenzwert Heu bei Hufrehe/EMS | < 10 % WSC der TM (Richtwert) | Heuanalyse erforderlich |
Fazit: Raufutter-Basis, Rhythmus und individuelle Anpassung
Die Pferdefütterung folgt einem klaren physiologischen Prinzip: Das Pferd ist ein Dauerfresser mit einem auf kontinuierliche Faseraufnahme ausgerichteten Verdauungssystem. Die wichtigste Einzelmaßnahme in der praktischen Pferdefütterung ist die Sicherstellung einer ausreichenden Raufutterversorgung von mindestens 1,5 bis 2,0 % der Körpermasse täglich 1, 3, verteilt auf möglichst viele kleine Portionen mit kurzen Fresspausen.
Kraftfutter ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein gezieltes Supplement für Pferde mit erhöhtem Energiebedarf. Die strikte Einhaltung der Einzelmahlzeiten-Obergrenzen (0,3 % KM pro Gabe) sowie graduelle Futterumstellungen sind entscheidend für die Vermeidung von Kolik und Hufrehe 3. Das Calcium-Phosphor-Verhältnis und die Mineralstoffversorgung sollten auf Basis einer Futteranalyse geplant werden 1, 2.
Bei Pferden mit bestehenden Erkrankungen – insbesondere Hufrehe, EMS, PPID oder PSSM – ist eine individuelle Fütterungsberatung durch eine Pferdeklinik oder einen equinen Fachtierarzt zwingend erforderlich. Dieser Artikel liefert eine evidenzbasierte Orientierung für die alltägliche Praxis, ersetzt jedoch keine tierärztliche Ernährungsberatung im Einzelfall.
Quellen
- [1]Nutritional Requirements of Horses and Other Equids - Management and Nutrition - MSD Veterinary Manualweb_authority
- [2]Nutritional Requirements of Horses and Other Equids - Management and Nutrition - Merck Veterinary Manualweb_authority
- [3]The Fibre Requirements of Horses and the Consequences and Causes of Failure to Meet Themweb_authority
- [4]Review of the Foundational Knowledge Required for Assessing Horse Welfareweb_authority
Hinweis
Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.