
Kraftfutter Pferd: Wann, was, wie viel?
Kraftfutter ergänzt die Basisration des Pferdes – wann es nötig ist, welche Typen es gibt und worauf bei Menge und Auswahl zu achten ist.
Auf einen Blick
Kraftfutter ist kein Ersatz für Raufutter, sondern eine Ergänzung für Pferde mit erhöhtem Energie- oder Nährstoffbedarf – etwa Sportpferde, Stuten in der Hochträchtigkeit oder Senioren mit eingeschränkter Verdauungsleistung. Die Basisfütterung aus Raufutter (mindestens 1,5–2,0 kg pro 100 kg Körpergewicht und Tag) muss immer sichergestellt sein 4. Art, Menge und Zusammensetzung des Kraftfutters richten sich nach Nutzung, Gewicht, Gesundheitsstatus und Raufutterqualität; die Abstimmung mit einem Fütterungsberater oder Tierarzt ist bei erhöhtem Bedarf empfehlenswert.
Raufutter als unverzichtbare Basis
Die equine Verdauungsphysiologie ist auf eine kontinuierliche Zufuhr von Rohfaser ausgerichtet. Der Magen-Darm-Trakt des Pferdes ist auf mehrere kleine Mahlzeiten über den gesamten Tag verteilt angewiesen; Fressunterbrechungen von mehr als vier bis sechs Stunden können die Magengesundheit und das Wohlbefinden beeinträchtigen 5. Als Orientierungsgröße gilt: mindestens 1,5–2,0 kg Raufutter pro 100 kg Körpergewicht und Tag 4. Für ein 500 kg schweres Warmblut entspricht das einer Tagesmenge von mindestens 7,5–10 kg Heu oder vergleichbarem Raufutter.
Heu ist dabei die häufigste und ernährungsphysiologisch sichere Raufutterbasis in Stallhaltung. Stroh kann ergänzend zur Beschäftigung und zur Verlängerung der Fresszeit angeboten werden, deckt jedoch kaum Nährstoffbedarfe und sollte nicht die einzige Faserquelle sein 5. Qualitativ hochwertiges Raufutter – frisch geerntetes, staubfreies, schimmelfreies Heu mit angemessenem Energiegehalt – kann bei vielen Freizeitpferden in leichter Arbeit den Bedarf bereits weitgehend decken 2.
Kraftfutter tritt erst dann sinnvoll in Erscheinung, wenn die Raufutterration den Energie- und Nährstoffbedarf nicht mehr vollständig abdeckt. Die verbreitete Ansicht, Kraftfutter sei ein notwendiger Bestandteil jeder Pferdefütterung, ist aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht haltbar 2.
Wann ist Kraftfutter sinnvoll?
Die Entscheidung für eine Kraftfutterzulage basiert auf einer Analyse des individuellen Bedarfs. Folgende Situationen können eine Ergänzung begründen:
Erhöhter Energiebedarf durch Arbeitsleistung: Pferde in mittlerer bis schwerer Arbeit – etwa Turnierpferde im Spring- oder Dressursport, Distanzpferde oder Arbeitspferde – haben einen Energiebedarf, der durch Raufutter allein oft nicht mehr gedeckt werden kann. Der Energiebedarf steigt je nach Arbeitsintensität erheblich über den Erhaltungsbedarf hinaus 6.
Physiologische Sonderphasen: Tragende und laktierende Stuten sowie Jungpferde im Wachstum haben einen gegenüber dem Erhaltungsbedarf deutlich erhöhten Bedarf an Energie, Protein, Calcium und Phosphor 7. Hochtragende Stuten (letztes Trimesters der Trächtigkeit) und Stuten in der Laktation gehören zu den Tieren mit dem höchsten Nährstoffbedarf überhaupt.
Untergewicht und schlechter Ernährungszustand: Pferde, die trotz ausreichender Raufuttermenge an Körpermasse verlieren, benötigen eine energetisch dichtere Zulage. Ursachen können hohe Arbeitsbelastung, mangelnde Raufutterqualität, Zahnprobleme oder Erkrankungen sein – eine tierärztliche Abklärung ist in diesen Fällen vorrangig.
Ältere Pferde (Senioren): Mit zunehmendem Alter lässt die Verdauungsleistung nach. Viele Senioren können langes Raufutter nicht mehr ausreichend kauen oder verwerten. Speziell aufbereitetes Seniorenfutter (oft pelletiert oder als Mash) kann die Nährstoffversorgung sichern 8.
Leichtfuttrige Pferde: Manche Pferde nehmen trotz ausreichend Raufutter nicht genug Körpermasse auf. Hier kann ein energiereiches Kraftfutter sinnvoll sein, ohne dass gleichzeitig der Rohfaseranteil reduziert werden darf 8.
Nicht geeignet ist Kraftfutter als Standardzulage für Pferde in leichter oder keiner Arbeit mit gutem Körperzustand. Überversorgung mit Energie begünstigt Übergewicht (Adipositas), Hufrehe und metabolische Störungen 5.
Typen von Kraftfutter im Überblick
Auf dem Markt existieren verschiedene Kategorien von Kraftfutter, die sich in Energiedichte, Verarbeitungsform und Nährstoffprofil unterscheiden.
Müsli und Getreidemischungen: Traditionelle Mischungen aus gequetschtem Hafer, Gerste, Mais und weiteren Zutaten wie Melasse, Leinsamenschrot oder Trockenpflanzen. Sie liefern rasch verfügbare Energie in Form von Stärke. Der Stärkegehalt ist ein wesentlicher Faktor: Zu große Mengen Stärke in einer Mahlzeit können die Kapazität des Dünndarms überfordern, sodass unverdaute Stärke in den Dickdarm gelangt und dort Dysbiosen begünstigt. Als Richtwert gilt, nicht mehr als 1–2 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit zu verabreichen 6.
Pellets und Würfel: Industriell gepresste Mischungen aus Getreide, Hülsenfrüchten, Mineralstoffen und Vitaminen. Pellets haben den Vorteil einer gleichmäßigen Zusammensetzung und eignen sich besonders für Pferde, die selektiv fressen. Seniorenpferde mit Zahnproblemen profitieren von Pellets, die vor der Verfütterung eingeweicht werden können.
Balancer: Hochkonzentrierte Ergänzungsfuttermittel mit geringem Energiegehalt, aber hohem Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Balancer werden in kleinen Mengen (typischerweise 100–500 g pro Tag je nach Produkt) gefüttert und eignen sich für Pferde, deren Raufutterbasis bereits ausreichend Energie liefert, die aber Mikronährstoffdefizite ausgleichen sollen 3. Ein wichtiger Aspekt: Vollständiges Kraftfutter (Standardmischungen) liefert Vitamine und Mineralstoffe nur dann ausreichend, wenn die empfohlene Tagesmenge tatsächlich vollständig gefüttert wird – wird weniger gegeben, entsteht eine Unterversorgung bei Mikronährstoffen 3.
Spezialmischungen: Für bestimmte Bedürfnisse formulierte Produkte, z. B. stärkereduzierte oder zuckerarme Rezepturen für Pferde mit Equinem Metabolischem Syndrom (EMS) oder Cushing-Syndrom (PPID), eiweißreiche Mischungen für laktierende Stuten oder energiedichte Rezepturen für Leistungspferde.
Hafer: Als Einzelkomponente zählt Hafer zu den verbreitetsten Kraftfuttermitteln. Er hat eine vergleichsweise günstige Stärke-Fett-Relation und wird vom Pferd gut verdaut. Dennoch muss auch Hafer in die Gesamtenergiebilanz eingerechnet werden.
Mineralstoffe, Salz und Spurenelemente
Ein häufig unterschätzter Aspekt der Pferdefütterung ist die Mineralstoff- und Salzversorgung. Der NRC (National Research Council) empfiehlt einen Salzgehalt in der Ration von 1,6–1,8 g Salz (NaCl) pro kg Futtertrockenmasse 1. Bei intensiver Arbeit und entsprechendem Schwitzen können Natriumchlorid-Verluste von mehr als 30 g in nur ein bis zwei Stunden schwerer Arbeit auftreten 1. Die alleinige Versorgung über das Futter reicht in solchen Situationen nicht aus; freier Zugang zu einem Salzleckstein oder gezielte Salzzulage ist empfehlenswert.
Calcium und Phosphor sind die mengenmäßig bedeutsamsten Mineralstoffe für Knochen und Muskulatur. Das Verhältnis von Calcium zu Phosphor in der Gesamtration sollte mindestens 1,5 : 1 betragen und nicht zugunsten von Phosphor verschoben sein, da dies die Calciumresorption beeinträchtigt 7. Getreidelastiges Kraftfutter ist typischerweise phosphorreich und calciumarm – dieser Umstand muss durch die Raufutterbasis oder gezielte Mineralergänzung ausgeglichen werden.
Spurenelemente wie Kupfer, Zink, Selen und Mangan sind essenziell, aber regional und saisonbedingt im Grundfutter unterschiedlich vorhanden. Laboranalysen des Heus sowie Blutbilder können helfen, Versorgungslücken zu identifizieren. Eine pauschale Supplementation ohne Bedarfsanalyse birgt das Risiko einer Überversorgung, insbesondere bei fettlöslichen Vitaminen und bestimmten Spurenelementen.
Dosierung und Fütterungsmanagement
Die korrekte Dosierung von Kraftfutter orientiert sich am Körpergewicht, der Arbeitskategorie und dem Körperzustandsscore (Body Condition Score, BCS nach Henneke, Skala 1–9). Als grobe Orientierung gilt: Kraftfutter sollte nicht mehr als 50 % der täglichen Gesamtration (auf Trockenmassebasis) ausmachen; in den meisten Fällen sind deutlich geringere Anteile sinnvoll und ausreichend 2.
Wesentliche Fütterungsprinzipien:
- Mehrere kleine Mahlzeiten: Kraftfutter sollte auf mindestens zwei, besser drei Mahlzeiten pro Tag verteilt werden, um die Stärkebelastung je Mahlzeit zu begrenzen und die Magenphysiologie zu schonen 5.
- Raufutter vor Kraftfutter: Die Fütterung von Raufutter vor dem Kraftfutter verlangsamt die Magenentleerung und fördert eine gleichmäßigere Verdauung.
- Graduelle Umstellung: Jede Futterumstellung sollte schrittweise über mindestens sieben bis zehn Tage erfolgen, um Störungen der Darmflora zu vermeiden 5.
- Wiegemenge statt Volumenschätzung: Kraftfutter sollte nach Gewicht, nicht nach Volumen (z. B. Schaufelmaßen) dosiert werden, da die Schüttdichte verschiedener Produkte erheblich variiert.
- Herstellerempfehlungen als Ausgangspunkt: Die Tagesmenge auf der Produktverpackung ist auf die vollständige Fütterung dieser Menge ausgelegt. Wird weniger gegeben, muss die Mikronährstoffversorgung anderweitig sichergestellt werden 3.
Ein häufiger Fehler in der Praxis besteht darin, Kraftfutter primär als Belohnung oder aus sozialen Motiven (weil Stallnachbarpferde ebenfalls Kraftfutter erhalten) zu verfüttern, ohne den tatsächlichen Bedarf zu prüfen 2, 8.
Vergleich: Kraftfuttertypen für Pferde
| Typ | Hauptmerkmal | Geeignet für | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Müsli / Getreidemischung | Hohe Energiedichte, viel Stärke | Sportpferde, Leistungspferde | Stärkemenge je Mahlzeit begrenzen (max. 1–2 g/kg KGW) 6 |
| Pellets | Gleichmäßige Zusammensetzung, gepresst | Senioren, selektive Fresser | Einweichen möglich bei Zahnproblemen |
| Balancer | Hohe Mikronährstoffdichte, niedrige Energiedichte | Freizeitpferde, Raufutterbasis energetisch ausreichend | Kleine Tagesmengen (ca. 100–500 g/Tag je nach Produkt) 3 |
| Stärkereduziertes / zuckerarmes Kraftfutter | Niedriger NSC-Gehalt | EMS- und Cushing-Pferde | Tierärztliche Diagnose und Beratung vorausgesetzt |
| Hafer (Einzelkomponente) | Gute Verdaulichkeit, günstige Stärkestruktur | Ergänzung bei erhöhtem Energiebedarf | Keine vollständige Mineralstoffversorgung, Ergänzung nötig |
| Seniorenfutter | Leicht verdaulich, oft erhöhter Proteingehalt | Ältere Pferde mit eingeschränkter Kauleistung | Auf Einweichbarkeit und Calciumgehalt achten 8 |
Wann ist tierärztliche Beratung notwendig?
Folgende Situationen erfordern eine tierärztliche oder ernährungsberatende Abklärung vor der Anpassung der Kraftfutterration:
- Anhaltender Gewichtsverlust trotz ausreichender Raufutterzufuhr
- Verdacht auf Stoffwechselerkrankungen (EMS, PPID/Cushing, Hufrehe-Vorgeschichte)
- Trächtigkeit und Laktation (erhöhter Calcium-, Phosphor- und Proteinbedarf) 7
- Erkrankungen des Verdauungstrakts (Magengeschwüre, Kolikanfälligkeit, Darmerkrankungen)
- Ungeklärte Leistungsminderung oder Verhaltensauffälligkeiten
- Unsicherheit über den tatsächlichen Nährstoffgehalt des verwendeten Heus (Heuanalyse empfehlenswert)
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle tierärztliche oder fachkundige Ernährungsberatung.
Fazit
Kraftfutter ist ein sinnvolles Instrument der Pferdefütterung, wenn es gezielt und bedarfsorientiert eingesetzt wird. Die Grundlage jeder Pferdeernährung bleibt qualitativ hochwertiges Raufutter in ausreichender Menge – mindestens 1,5–2,0 kg pro 100 kg Körpergewicht und Tag 4. Kraftfutter ergänzt diese Basis dort, wo Energie, Protein oder Mikronährstoffe nicht mehr durch Raufutter allein gedeckt werden können.
Die Auswahl des richtigen Typs – ob Müsli, Pellet, Balancer oder Spezialmischung – richtet sich nach dem individuellen Bedarf des Pferdes, seiner Arbeitskategorie, seinem Gesundheitszustand und der Qualität des Grundfutters. Eine pauschale Kraftfuttergabe ohne Bedarfsprüfung birgt Risiken wie Übergewicht, Stoffwechselstörungen und Nährstoffimbalancen 2, 5. Die Mineralstoff- und Salzversorgung verdient besondere Aufmerksamkeit, insbesondere bei arbeitenden Pferden mit hohen Schweißverlusten 1.
Bei Unsicherheiten über Bedarf, Dosierung oder Gesundheitszustand empfiehlt sich die Konsultation eines Tierarztes oder qualifizierten Fütterungsberaters.
Quellen
- [1]Nutritional Requirements of Horses and Other Equidsweb_authority
- [2]Welches Kraftfutter & Raufutter bentigt mein Pferd? | kraemer.atweb
- [3]Balancer oder Kraftfutter: Was braucht Ihr Pferd wirklich? - Hartog Lucerneweb
- [4]Pferdefutter online kaufen » direkt vom Hersteller | LEXAweb
- [5]Pferdefütterung: Pferde richtig füttern | FNweb
- [6]Check Your Horse’s Nutrition Requirements - [Equine Feed Calculator] | Mad Barnweb
- [7]NRC Nutrient Requirements Of Horses | SUCCEED Equine Blogweb
- [8]▶ Kraftfutter fürs Pferd – Das solltest Du wissen!web
Hinweis
Dieser Ratgeber ist allgemeine, datenbasierte Information – keine individuelle tierärztliche Beratung. Fütterung und Behandlung bei Erkrankungen, Jungtieraufzucht oder besonderen Bedürfnissen gehören in tierärztliche Hand. Bei akuten oder anhaltenden Symptomen bitte einen Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen.